AdF., Rom, im April

Die Resultate der Betriebsratswahlen in den Fiat-Werken von Turin stehen in einem eklatanten Gegensatz zu den Ergebnissen der Kommunalwahlen, die in den letzten Wochen in mehreren italienischen Provinzstädten stattgefunden haben. In den Fiat-Werken, dem größten Industriebetrieb Italiens, hat der von den Kommunisten gelenkte Metallarbeiterverband nur 21 v. H. der über 61 000 abgegebenen Stimmen erhalten. Damit hat die schon seit zwei Jahren steil abfallende Kurve der kommunistisch-linkssozialistischen Organisation wiederum einen beträchtlichen Ruck nach unten bekommen. Die Zahlenreihe sieht folgendermaßen aus:

1954: 63 v.H. 1955: 37 v.H.

1956: 29 v.H. 1957: 21 v.H.

Ganz anders sah es bei den Kommunalwahlen aus. Bei diesen Abstimmungen konnten die Kommunisten ihre Stellung – meist auf Kosten der Sozialisten – verbessern oder mindestens halten. Wer sich allein auf die Schockwirkung der von den Sowjets im Blut erstickten ungarischen Revolution verlassen hatte und dem Austritt einiger Linksintellektueller aus der KPI großes Gewicht beimaß, fiel angesichts dieses Resultats aus allen Wolken.

Wie ist das Ansteigen der roten Flut in der Provinz mit der zweifellos noch nicht überwundenen inneren Krise des italienischen Kommunismus zu vereinbaren? Des Rätsels Lösung haben die Turiner Fiat-Arbeiter geliefert, die noch vor drei Jahren als die kommunistische Avantgarde in Italien galten. Diese Elite hat nicht nur einen erheblich höheren Lebensstandard als die meisten italienischen Fabrikarbeiter, von dem verelendeten Proletariat auf dem flachen Land ganz zu schweigen, sondern ihr wird auch, vorläufig nur im gewerkschaftlichen Rahmen – eine Alternative zum Kommunismus geboten. Das letztere gibt den Ausschlag.

Im parteipolitischen Raum haben die vom Kommunismus enttäuschten Italiener gegenwärtig kaum Ausweichmöglichkeiten. Die linkssozialistische Partei schwankt zwischen Demokratie und Kommunismus hin und her. Ihr Führer Nennt will oder kann sich nicht ganz von der KP lösen. Die große sozialistische Einheitspartei auf einwandfrei demokratischer Grundlage, von der seit einem Dreivierteljahr geredet wird, ist noch in weiter Ferne. Die Intellektuellen, die wie der ehemalige kommunistische Senator Eugenio Reale aus der von Palmiro Togliatti straff gelenkten Partei ausgeschieden sind, bilden eine heimatlose heterogene Gruppe. Ihre dialektische Entwicklung ist nicht bis zur Überwindung des Kommunismus fortgeschritten. Über eine Ablehnung des Stalinismus sind die meisten nicht hinausgekommen. Keiner hat das Format eines Koestler oder Silone. Der eine oder andere von ihnen hat einen politischen Zirkel gegründet, in dem blutleere Diskussionen über Lenin oder Marx geführt werden. Den italienischen Proletarier zieht das aber nicht an. Er will wissen, woran er ist, und wenn er nicht gleich den großen Sprung zu den von den Linksradikalen systematisch als Verräter der Klassensolidarität verleumdeten Sozialdemokraten wagt, gibt er trotz innerer Bedenken seine Stimme vorläufig lieber der KP.