Das Jahr 1956 war für die westdeutsche Rundfunkindustrie ein Rekordjahr. Es wurden rund 500 000 Geräte mehr produziert als im Vorjahr. Die anhaltend starke Nachfrage nach Rundfunkgeräten hat selbst manchen Produzenten überrascht. Nicht wenige hatten nämlich für 1956 bereits mit einem Absatzrückgang auf dem Markt gerechnet. Man weiß, daß auf lange Sicht das zunehmende Fernsehgeschäft nicht spurlos am Rundfunkgerätemarkt vorübergehen kann. Es wäre aber falsch, anzunehmen, die Nachfrage nach Rundfunkgeräten im vergangenen Jahr sei vielleicht deshalb so stark gewesen, weil der Absatz von Fernsehgeräten nicht den erhofften Erfolg gebracht habe. Im Gegenteil: Im abgelaufenen Jahr sind im Bundesgebiet rund 600 000 Fernsehgeräte hergestellt worden. Das ist nicht nur eine beachtliche Zahl, sondern zugleich die bisher größte Jahresproduktion unserer Fernsehgeräte-Industrie.

Die Industrie scheint auch in diesem Jahr das Fernsehgeschäft optimistisch zu beurteilen; denn sie richtet sich schon auf eine Produktion von etwa 900 000 Fernsehgeräten ein. Das würde eine Produktionssteigerung von nicht weniger als fünfzig Prozent bedeuten. Mehrere deutsche Fernsehgerätehersteller sind zur Zeit dabei, ihre Anlagen zur Produktion von Fernsehgeräten erheblich zu erweitern. Ein deutliches Zeichen dafür, daß die Industrie mit einem ständigen Anziehen des Fernsehgeschäftes rechnet.

Übrigens brachte 1956 auch auf dem Markt von Truhen und Plattenspielern recht erfreuliche Umsätze. Es wurden etwa 400 000 Truhen hergestellt und über zwei Millionen Abspielgeräte. Bemerkenswert ist, daß die Produktion von Plattenwechslern stärker stieg als die von einfachen Plattenspielern. Die vielseitigen Wechsler fanden auf dem deutschen Markt einen weitaus besseren Absatz als die Spieler.

Zurück zum Rundfunk- und Fernsehmarkt: Trotz der günstigen Produktionszahlen ist doch an einer Stelle zu spüren, daß das Fernsehgerätegeschäft den Absatz von Rundfunkgeräten beeinflußt. Im vergangenen Jahr gehörten nämlich über zwei Drittel aller deutschen Rundfunkgeräte den Preisklassen bis 350 DM an. Rundfunkgeräte der unteren Preisklassen bis 250 DM brachten es schon auf einen Anteil von etwa 40 v. H. Es scheint also so, als ob der heutige Käufer eines Rundfunkgerätes schon ein wenig damit liebäugelt, sich in einiger Zeit einen Fernsehapparat anzuschaffen. Wenn das in den meisten Fällen auch nicht heute oder morgen geschieht, so wird immerhin die Möglichkeit schon kalkuliert.

Noch eine andere Erscheinung dürfte hier mit hineinspielen: die Zahl jener Haushalte nimmt zu, in denen mehr als nur ein Radio benutzt wird. Bei den Empfangsgeräten in Autos dürfte es sich schon durchweg um solche Zweitgeräte handeln. Insgesamt gesehen wird gerade die Möglichkeit, billige und doch vollwertige Apparate zu bekommen, diese Entwicklung zum Zweitgerät begünstigen.

Bei den marktgängigen Rundfunkgeräten wird heute nicht mehr nach Rauminhalt gekauft, wie noch vor vielleicht drei oder vier Jahren. Diese Zeit ist offenbar vorbei. Darauf weisen auch die wesentlichen Formveränderungen des Rundfunkgerätes hin. Viele Geräte sind kleiner und gefälliger geworden. Es sieht auch so aus, als ob nur noch wenige Käufer danach fragen, ob dieser oder jener Apparat mehr Röhren oder Kreise besitze. Der Käufer weiß, daß in der gleichen Preisklasse nur noch geringe Unterschiede in der technischen Ausstattung bestehen. Heute wird vorwiegend mit dem Auge und mit dem Ohr gekauft. Das Gerät muß gefällig aussehen. Es hat sich in den Augen der Käufer von einem technischen Objekt zu einem modischen Gebrauchsgegenstand gewandelt.

Daß trotzdem auch heute noch „wertig“ gekauft wird, merkt man besonders bei Fernsehgeräten und den Truhen verschiedenster Kombination. Interessant ist dabei die Meinung von Verkaufsfachleuten, daß die Frage, ob Fernsehen oder nicht, nur wenig mit dem Geldbeutel zusammenhinge. Man begegne vielmehr zwei Anschauungen unter denen, die bereit sind, für ein Rundfunk- oder Fernsehgerät mehr als siebenhundert Mark auszugeben: Die eine Gruppe entscheide sich für das Fernsehen, die andere lehne diese technische Neuerung noch ab und wähle dafür die Truhe, das Rundfunkgerät mit Plattenspieler, vielleicht auch noch mit Tonbandgerät.