Das Rheinstahl-Bouquet für die Juni-Hauptversammlungen, über das auf Seite 11 der heutigen Ausgabe berichtet wird, ist ein Spiegelbild, dessen, was eine unternehmerische Idee als reales Ziel in wenigen Jahren zusammenschmieden konnte. Das neue Rheinstahl-Gebäude ist aus dem Eigentumsgedanken entwickelt worden, aus einer bunt zusammengewürfelten Mischung großer und kleiner Aktienpakete des alten Holding-Besitzes an 72 Mill. RM Stahlvereins-, 26,2 Mill. RM IG- und 67,69 Mill. RM Riebeck-Aktien. Aus der Stahlvereins-Entflechtung flossen die pro rata-Anteile aus allen neugegründeten Einheitsgesellschaften zu; es folgte die Konzentration auf einige Objekte, immer unter dem Gedanken, das ererbte Eigentum so umzumischen und sinnvoll aufeinander abzustimmen, daß daraus eines Tages ein handfester Konzern werden müßte. Erinnern wir uns, was für ein krankes und schwächliches Pflänzlein der Eigentumsgedanke bis in das Jahr 1950 und sogar noch bis 1951 hinein gewesen ist. Dann erst ist zu messen, was aus der Holding Rheinstahl geworden ist: heute 2,4 Mrd. Jahresumsatz, 80 000 Belegschaftsmitglieder, 85 000 Aktionäre und eine Ausgangsstellung, die eine erhebliche Krisenfestigkeit gewährleistet.

Die Rheinstahl-Verwaltung ist ehrlich davon überzeugt, allen Aktionären einen wirklich guten Vorschlag unterbreitet zu haben. Sie hat keine Geheimnisse und ist in ihrer Publizität so weit gegangen, daß sie bereits zweieinhalb Monate vor der Hauptversammlung den Wortlaut der Verschmelzungsverträge und des Gutachtens der Wirtschaftsprüfer zu den Umtausch-Vorschlägen an die Wirtschaftspresse übergab. Wir können uns nicht erinnern, bisher in gleicher Weise das Aufdecken interner Karten erlebt zu haben, wie es der Vorsitzer des Vorstandes, Dipl.-Kaufmann Werner Söhngen, zum Abschluß einer geradezu wissenschaftlich erarbeiteten Umwandlungsplanung bot.

In dem Gutachten der Wirtschaftsprüfer sind die Relationen von Rheinstahl zu Rheinwest und zur Union für den Substanzwert mit 100 zu 110,5 zu 91,1, für den Ertragswert mit 100 zu 111,5 zu 93,5 und für die Börsenkurse vom 31. Dezember 1956 mit 100 zu 103 zu 94 errechnet worden. Rheinstahl ist darüber hinausgegangen, wozu noch die Dividenden und die Ausgleichszahlungen, ferner das günstige Bezugsrecht kommen.

Innerhalb des Investitionsprogramms erfreut die Initiative zugunsten der Kohle. Die Bergbau-Gruppe Brassert erhält ein neues Kraftwerk zur Veredelung der Ballastkohle; neben Prosper III wird ein aus Thyssen-Besitz kürzlich erst gesichertes Kohlenfeld über 300 Mill. t neue erschlossen. Es ist also nicht nur im Stahl und in der Weiterverarbeitung, sondern auch in der so sehr vernachlässigten deutschen Kohle unternehmerische Initiative erkennbar.

Daß nun auch die Mitbestimmung in der Rheinstahl-Spitze durchgeführt wird, ist eine Folge der Holding-Novelle; dieser Vorgang wird von der Verwaltung als zwangsläufig angesehen. Profilierte Gewerkschaftsvertreter wie Georg Reuter und Heinrich Gutermuth ziehen ein; der ehemalige Stahltreuhänder Dr. Heinrich Dinkelbach wird sogenannter elfter Mann. Der bereits seit Jahren in der Rheinstahl-Kohle Arenberg tätige Arbeitsdirektor Fritz Mahn wird Arbeitsdirektor im Rheinstahl-Vorstand. Obwohl die Holding-Novelle für Rheinstahl erst 1958/59 formell wirksam werden würde, sollen die Aktionäre auf Vorschlag der Verwaltung schon im Juni 1957 die neuen Arbeitnehmervertreter (wozu auch der Bundestagsabgeordnete Albers hinzukommt) als reguläre Aufsichtsratsmitglieder wählen. Die Rheinstahl-Verwaltung will bewußt die vorverlegte Einführung der paritätischen Mitbestimmung nicht zu einem Politikum machen, sondern sieht die Regulierung dieser Frage nur als ein Teilstück der Konzern-Gesamtplanung und deren langfristiger Zielsetzung an. Wenn man es unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, dann werden wohl die Aktionäre nicht an dem roten Schleifchen um das goldeingewickelte Osterei zupfen, obwohl es so verführerisch wäre. Die Gewerkschaften aber dürfen sicher sein, daß das von Rheinstahl vorgelebte Entgegenkommen bei entsprechend anderer Gelegenheit von der Kapitalseite präsentiert werden wird, um auch die Gewerkschaften einmal zu gleicher Loyalität zu veranlassen, wenn es notwendig wird.

Unwillkürlich sind wir bei der Regelung der Mitbestimmung und bei Betrachtung der Kapitalerhöhung zu einem Vergleich mit Mannesmann ermuntert. Bei Mannesmann ist nämlich zu gleicher Zeit der jahrelange Streit um die Einführung der Mitbestimmung in der Holding beendet worden. Dabei ist während der hartnäckigen Verhandlungen von den Gewerkschaften wiederholt auf die „loyale und harmonische Einigung in der Rheinstahl-Gruppe“ hingewiesen worden. Mannesmann fühlte sich offenbar dadurch isoliert. Dafür kam Mannesmann wenige Tage vor Rheinstahl mit einer gleichgearteten Kapitalerhöhung 3 zu 1 zu 100 v. H. überraschend schnell heraus. Dem Chronisten mag die Bemerkung nicht verübelt werden, daß der Slogan in der Luft lag: „Haust du meine Mitbestimmung, hau ich deine Kapitalerhöhung!“ Man sieht, in der Montanindustrie herrscht frischer Wettbewerb in allen Etagen. Rlt.