-nn, München

Achtung, Motorboote: Vorfahrt beachten! – Nicht rechts überholen! Richtungsänderungen deutlich anzeigen! – Hupverbot auf dem ganzen See!“ Daß solche und ähnliche Wasser-Verkehrsschilder keine gänzlich irrealen Zukunftsvisionen mehr sind, sondern vielleicht schon eines gar nicht mehr fernen Tages Wirklichkeit werden könntei, zeigen die strengen Verkehrsvorschriften, die von den Behörden in diesem Jahr für den Chiemsee erlassen worden sind.

Wie der Verkehr zu Land, droht nämlich auch der Motorbootverkehr auf den oberbayerischen Seen zu einer wahren Plage zu werden. Schon während der letzten Saison brummten dort, wo einst nur elegante Segelboote das Wasser lautlos durchpflügten, so viele Motorboote gleich aufgeregten Hornissenschwärmen kreuz und quer über die Seen, daß die erholungsuchenden Wanderer sich am Ufer nicht selten wie vom Großstadtlärm umbrandet vorkamen, und daß Schwimmer, die sich nur ein wenig in den See hinauswagten, ihres Lebens nicht mehr sicher warei. Nicht nur die Zahl der Boote jedoch verursache Ärgernis, sondern – wie auf dem Lande – vor allem die rücksichtslose Fahrpraxis „jugendlicher Verkehrsrowdies“, die sich ein besonderes Vergnügen daraus machen, unmittelbar am Ufer entlangzupreschen, die Schwimmer in tausend Ängste zu versetzen und andere Boote durch gewagte Manöver in heikle Situationen zu bringen. Versteht sich, daß dabei Bootszusammenstöße zur Tagesordnung gehörten.

Für den Sommer 1957 rechnet man auf den oberbayerischen Seen nun mit einer noch erheblich größeren „Verkehrsdichte“ und schätzt vorab, daß beispielsweise auf dem Chiemsee etwa doppelt so viele Motorboote herumknattern werden wie im Vorjahr. Alarmiert durch so besorgniserregende Prognosen sind nun, wie gesagt, die bayerischen Behörden auf den Plan getreten und haben, zunächst einmal für den Chiemsee neue Verkehrsvorschriften erlassen. Danach beträgt die zulässige Höchstgeschwindigkeit für Motorboote 30 Stundenkilometer. Die Lautstärke der Motoren darf 80 Phon nicht überschreiten, was etwa dem Lärm eines Motorrades mit normalen Schalldämpfern entspricht. Belästigungen von anderen Booten sowie von Schwimmern sollen wie Verkehrsübertretungen auf den Straßen geahndet werden. Wahrscheinlich wird man darüber hinaus längs des Ufers noch Sperrgebiete abgrenzen.

Je zahlreicher die Motorboote und je zahlreicher damit die Vorschriften werden, die den Wasserverkehr regeln, je näher rückt wohl auch der Tag, an dem einem Fahrer nach glücklich bestandener Prüfung der erste Motorbootführerschein ausgehändigt wird. Damit würde dann zwangsläufig auch ein neues Gewerbe aus dem Boden – pardon: aus dem Wasser wachsen: die Motorbootfahrschule. Sie könnten ihren Eleven gewiß mancherlei Nützliches beibringen, wie man die Kurven richtig nimmt zum Beispiel, oder wie man sich in eine Parklücke am Steg ohne Schrammen hineinschiebt. In einem Punkt jedoch werden die Wasserfahrlehrer gegenüber ihren Kollegen auf dem Lande immer im Hintertreffen bleiben: sie können ihren Schülern nicht zeigen, wie man notfalls die Bremse betätigt.