S. L., Halle

Die Schwierigkeiten, die der Arbeit der Evangelischen Kirche von den Behörden der Sowjetzone in letzter Zeit bereitet werden, erwecken den Eindruck, die Zustimmung der gesamtdeutschen Synode zum Militärseelsorgevertrag sei den Funktionären der DDR ein willkommener Anlaß gewesen, die Kirche verschärften Belastungen zu unterwerfen.

Die Politik der kleinen Nadelstiche, unter der die Kirche im Territorium der DDR stets zu leiden hat, wird jetzt besonders emsig betrieben: so wird die Einsammlung des kirchlichen Opfergroschens erschwert; Schulräume für die Christenlehre stehen mancherorts nicht mehr zur Verfügung; für jede Unterweisungsstunde ist eine gesonderte Anmeldung erforderlich; es wird wieder schwer, kirchliche Versammlungen in nichtkirchlichen Räumen abzuhalten; den Pfarrern aus dem Westen werden Einreiseschwierigkeiten gemacht, wobei man ihnen erklärt, der Besuch könne sogleich stattfinden, wenn die Landeskirche von der Synodalentscheidung über den Seelsorgevertrag abrücke. Die evangelischen Studentenpfarrer der Bundesrepublik erhielten keine Einreisegenehmigung zum alljährlichen Studentenpfarrertreffen in Wittenberg, so daß die Tagung auf Einladung eines katholischen Amtsbruders in Westberlin stattfinden mußte. Es gab Beschlagnahmen von Kirchenblättern und persönliche Beschimpfungen und Beleidigungen des Bischofs Dibelius und Schikanen gegen Friedhofsbesucher aus Westberlin, denen Passierscheine zum Besuch der Gräber jenseits der Stadtgrenze verweigert wurden.

Das gravierendste aber ist das Scheitern des diesjährigen in Thüringen geplanten Evangelischen Kirchentages. Die politischen Bedingungen, unter denen sich die Pankower Behörden nach monatelangem Ausweichen bereit erklärt hatten, erst einmal nur über Zeit und Ort des Kirchentages in Verhandlungen einzutreten, waren unannehmbar. Diese Forderungen wurden dem Kirchentagspräsidenten von Thadden-Trieglaff nicht etwa von dem neubestellten Staatssekretär für Kirchenfragen, Eggerath, noch von dem für Kirchenfragen zuständigen Minister Nuschke übergeben, sondern vom Innenminister Karl Maron.

Ihre Erfüllung hätte einen politischen Akzent in das Kirchentreffen getragen, der dem Charakter dieser Versammlung vollkommen widersprochen hätte. Die Garantien, die Pankow verlangt, sind von der Kirche gar nicht zu leisten. Denn wie sollte sie wohl die „kompromißlose Gegnerschaft der DDR-Regierung zur NATO und ihre klare Friedenspolitik respektieren“, da jedermann weiß, welch schillernden Charakter diese „Friedenspolitik“ hat und wie weitherzig Pankow in der Auslegung dessen ist, was dagegen verstößt.

Des weiteren wird gefordert, daß ein DDR-Minister vor dem Kirchentag sprechen darf, um die Regierungspolitik zu erläutern. Dieses Verlangen koppelt man mit der unwahren Behauptung, auch in Frankfurt „hätten im vorigen Jahr Vertreter der Bundesregierung die Möglichkeit gehabt, die friedensfeindliche Politik der Adenauer-Regierung zu vertreten“. Kein einziger Vertreter der Bundesregierung hat jedoch in Frankfurt vor dem Kirchentag das Wort ergriffen.

Weiter verlangt Maron vom Kirchentagspräsidium, es solle in einer öffentlichen Erklärung Vorfälle während des Frankfurter Kirchentages mißbilligen, die sich gegen die DDR und das Ansehen ihrer namhaften Vertreter – gemeint sind Nuschke und Dieckmann – gerichtet hätten. In diesem Zusammenhang jedoch täte man in Pankow gut daran, sich einiger Äußerungen von Rednern aus der DDR in den Diskussionen des Kirchentages zu erinnern, Bemerkungen von disziplinierter Staatsloyalität, die sehr wohl zu aggressiven Explosionen hätten führen können. Da hatte ein Mann aus Potsdam erklärt, daß „unsere Aufgabe als Christen nicht die Auseinandersetzung mit unserem Staat ist, sondern mit dem dialektischen Materialismus“, während ein Geistlicher aus Magdeburg darauf hinwies, daß die Kirchenleute in der DDR im Verhältnis zu ihrem Staat von Römer 13, nämlich dem Gehorsam gegen die Obrigkeit, geleitet seien. Nuschke und seine Beobachter haben diese Worte wohl gehört, und sie werden sich auch erinnern, daß das politische Moment, nämlich die Erörterung der NATO-Politik, überhaupt erst durch Nuschkes eigenen Diskussionsbeitrag und durch die Rede des Volkskammerabgeordneten Kalb in die Debatte geworfen wurde.