Von Werner Haftmann

Ein beliebter Vorwurf gegen die moderne Kunst ist ihre „Sucht zur Theorie“. Der Meister, an dessen Werk die Verstrickung in die Theorie mit Vorliebe belegt wird, ist der holländische Maler Piet Mondrian (1872–1944). Denn er führte die reiche Spiegelung der sichtbaren Welt in der Malerei in bruchloser Logik auf eine einzige Bildidee zurück – eine elementare Harmonie aus einfachsten Kontrasten. Nichts als eine gleichgewichtige Zusammenordnung farbiger Rechtecke auf der reinen Fläche – das war Mondrians Bild.

Aber es ist ein Irrtum zu glauben, daß im obersten Rang der Malerei der Maler male, „wie der Vogel singt“, hingegeben seiner visuellen Entzückung und in der rein instinktiven Handhabung seiner Mittel befähigt, von dieser Entzückung Mitteilung zu machen. Malerei ist ein Verfahren zur bildnerischen Bewältigung der Welt. Sie ruft also alle Kräfte des Gefühls und der Intelligenz auf, damit aus dem noch gestaltlosen, gefühlsmäßigen Erlebnis ein Bild als antwortende reale Tatsache entsteht, die die gefühlsmäßige Wirklichkeitserfahrung zu einer anschaubaren Gestalt bringt. Malerei ist also Herstellung – Konstruktion! Erst, indem der Maler in seinen Bildgrund hinein handelt und konstruiert, setzt er sich mit seinem eigenen Lebensgrund in Beziehung. Hier tritt die Theorie ins Spiel. Sie ist die Leiter der wohlgeführten Mittel, auf der das gefühlsmäßig Erfahrene zur Würde des geistig Bewältigten und Gestalteten emporsteigt.

Die Großen unter den Malern haben das immer gewußt. Da saß Uccello nächtens über dem Geistspiel seiner Perspektive und murmelte, wie „süß“ das alles sei und wandte dann die „Süße“ und magische Stille seiner körperhaften Konstruktionen auf seine Reiterschlachten an und erreichte damit – was er suchte – die einfache Würde des Dinges im Raum. Da gab der größte Konstrukteur unter den Malern – Piero della Francesca – über Jahre die Malerei auf, konstruierte die fünf geometrischen Körper, verfaßte seine Traktate und erfand vor Wand und Tafel – was er suchte – die kristallische Raumgestalt. Da zog das universale Genie Leonardos die Malerei als Einzeldisziplin in sein Tat-Denken ein und fand die Welt-Anschauung, die über Jahrhunderte trug. Meditationen und Theorien – daraus wird Kunst gemacht!

Was nun die moderne Malerei betrifft, so stand sie vor der Lage, für ganz veränderte, komplex und abstrakt gewordene Erfahrungen bildnerische Entsprechungen finden zu müssen, die auch Nicht-Sichtbares anschaulich evozieren konnten. Sie mußte also ihre Mittel zu stärkster evokativer Kraft bringen und diese Kräfte ordnen. In ihrem Grundansatz war sie unendlich meditativ und doch notwendig von äußerster Wachsamkeit in der formalen Heraufzüchtung dessen, was zur Erscheinung drängte. Also sah sie sich immer erneut gehalten, ihre Meditationen zu „Theorien“ zu verdichten, damit das Mediale nicht die Zucht des Geistes überschwemmte. Theorien, entwickelt und angewandt im Kontakt mit der Welt!

Nun ist eben ein Buch erschienen von Michel Seuphor: „Piet Mondrian. – Leben und Werk.“ DuMont Schauberg Verlag, Köln. 443 S., 170 Taf. 35 Farbtaf. 441 Abb. 72,– DM.

ein kostbares, reich ausgestattetes Buch, das in seinen Texten und Bildreihen endlich erlaubt, die Entwicklung des bildnerischen Denkens von Mondrian deutlich einzusehen. Der Autor ist ein Freund Mondrians, der die Entwicklung des Konstruktivismus seit der Stijl-Bewegung tätig verfolgte und bereits 1931 in der Pariser Gruppe Cercle et Carré die einzelnen Kräfte des internationalen Konstruktivismus zu sammeln versuchte.