Mißklang bei den Philharmonikern

Bei der Feier des 75jährigen Bestehens des Berliner Philharmonischen Orchesters hat das Verhalten eines Künstlers die Harmonie gestört: Der Konzertmeister Professor Dr. Borries zog es vor, der Festaufführung der IX. Symphonie, die unter Karajans Leitung im Saale der Berliner Musikhochschule stattfand, fernzubleiben. Die Augen waren, als das Konzert begann, nicht auf den berühmten Dirigenten, sondern auf das erste Geigerpult gerichtet, vor dem der Schweizer Violinist Michel Schwalbe Platz nahm. In glanzvollem Rahmen glänzte Borries durch Abwesenheit.

Borries wollte eine deutliche Demonstration. Er erzielte sie. Dabei muß man wissen, daß der Kampf dieses gehaltvollen Orchestermusikers um das Gehalt geht. Die Frage ist, ob er, der als Geigenprofessor der Musikhochschule ohnehin Gehalt bezieht, auch noch als Primgeiger der Philharmoniker Gehalt beziehen darf. Tiburtius, der Berliner Kultursenator, meint nein, die Verordnungen erlaubten es nicht. Kein Beamter zweimal Beamter! Tiburtius war jedoch bereit, die Leistungen des Geigenprofessors im Orchester nach besonderem Modus in gehabter Höhe zu bezahlen. Borries hingegen wendet das Kohlhaas-Prinzip an und ruft: Gerechtigkeit! Der Künstler als Doppelbeamter. Zwei Pensionen leuchten an seinem Lebensabend – meint er es so?

Ob Borries in seinem Streit juristisch gut beraten ist, sei dahingestellt; künstlerisch ist er schlecht beraten. Man läßt sein Orchester nicht im Stich, besonders nicht an einem solchen Tage. Wie gut hätte es Borries angestanden, wenn er – Geld hin, Geld her – diesmal im Kreis der Philharmoniker gesessen hätte. Er hätte Gelegenheit gehabt, dadurch seinen Kollegen ein Jubiläumsgeschenk zu machen, wenn er schon der Öffentlichkeit nichts schenken wollte. Er hat diese Gelegenheit verpaßt.

Schade. Siegfried Borries ist ein exzellenter Geiger, einer der besten Orchestergeiger, die wir haben. Übrigens gibt es Musiker, die im Orchester besser sind denn als Solist; Borries gehört zu ihnen. So ist sein Verhalten doppelt schade. Denn er schädigt das Publikum und sich selbst.

Am meisten bemerkenswert scheint uns jedoch, daß hier ein Fall vorliegt, in dem ein Künstler, der zugleich Beamter ist, sein Beamtentum mehr betont als sein Künstlertum. Sollte dies ein Symptom sein (zumindest für Orchesterkreise), man hätte Anlaß, pessimistisch über unser Kulturleben zu denken. J. M.