Von Carl Georg Heise

In Bremen hat Dr. Günter Busch in der von ihm geleiteten Kunsthalle eine Ausstellung von über 300 Werken des romantischen Malers und Zeichners Friedrich Nerly gezeigt.

Der ausgezeichnet gearbeitete Katalog der Friedrich Nerly-Ausstellung in der Bremer Kunsthalle meinte, wir Kunsthistoriker müßten uns schämen, und ich gestehe, daß auch ich, der ich diesen sympathischen Maler der Spätromantik einigermaßen zu kennen glaubte, mir bisher etwa folgendes Bild von ihm gemacht hatte:

Produkt der eigenartigen Erziehungskunst des Freiherrn Carl Friedrich von Rumohr (der selbst ein begabter Radierer, Kunsthistoriker, Sammler und Schriftsteller war), teils vom pädagogischen Eros geleitet, teils durch "manche Ohrfeigen" unterstützt, von denen Ludwig Richter in seinen Lebenserinnerungen zu berichten weiß. Der folgsame sechzehnjährige Bursche, vom Weideplatz als Hütejunge in seines väterlichen Freundes gepflegtes Heim entführt, hatte wirklich Talent. Seine Anfänge als Landschaftsmaler leben noch von der etwas hausbacken gewordenen Hackert-Tradition des 18. Jahrhunderts – ein Enkel somit der holländischen Italianisten. Seine Zeichnungen, darunter auch treffsichere Porträts, sind lebendiger, sie profitieren von der allgemeinen Höhe romantischer Formvorstellungen.

Verwöhnt und drangsaliert zugleich, reist Nerly mit Rumohr nach Dänemark, durch Deutschland und, gemächlich überall verweilend, in Italien, studiert schließlich im Kreise der deutschen Maler in Rom weiter, wo er als Lustigmacher alles durcheinanderwirbelt, nimmt lernbegierig vieles auf, beobachtet fleißig die Natur, malt südliche Landschaften mit Pinien und Zypressen, die nicht ganz, aber beinahe den Besten seiner Zeit nahekommen, immer jedoch mit einem leicht dilettantischen Zug. Selbst mit Wasmann kann er sich nicht messen. Älter geworden und befreit von den Ratschlägen seines lästigen Mentors, heiratet er die Stieftochter eines wohlhabenden, aber knauserigen Marchese und läßt sich dreißigjährig in Venedig nieder, wo er sich zum modischen Vedutenmaler entwickelt, zeitweise gut verdient, aber künstlerisch herunterkommt. 1878 ist er dort, 70jährig, gestorben, "allbekannt und hochgeschätzt", wie es in seinem Nekrolog zu lesen steht. Sein Ruhm aber hat ihn nicht lange überlebt. Vergeblich hat sich schon vor 50 Jahren sein Biograph Franz Meyer bemüht, die Schatten "sachlich und liebevoll" aufzulichten. Die "hochmütige Kunstwissenschaft" hat wenig Notiz davon genommen.

Konnte die Bremer Ausstellung – sie umfaßte nicht weniger als 316 ölstudien und Zeichnungen – uns eines Besseren belehren? Das wird man zugeben müssen, ohne daß freilich ein wirklich großer Meister für unsere Vorstellung von der deutschen Romantik neu entdeckt wird. Ausgangspunkt war die Erwerbung des Nachlasses aus dem Besitz einer Urgroßnichte, der den Vorteil hat – im Gegensatz zu den in Erfurt, der Geburtsstadt des Künstlers, bewahrten Arbeiten aus den Jahren des künstlerischen Niedergangs – zum größten Teil aus der Früh- und Reifezeit zu stammen. Da gibt es in der Tat einige erstaunliche Leistungen.

Man findet sie fast nie unter den fertigen Bildern, wobei einige rasch hingesetzte ölstudien ausgenommen sein mögen, die unter der Hand bildmäßigen Charakter gewonnen haben. Lichtwark hat schon früh einige davon für Hamburg erworben, und Bremen ist ihm gefolgt; das ist das beste. Lebendiger noch sind die gezeichneten Studien, fast möchte man sagen: Je unfertiger sie sind, desto reizvoller erscheinen sie. Segelschiffe, Gondeln, ein geraffter Vorhang, ein Caféhaustischchen, Löwen, Schafe, Esel, ein Elefant, Frauen am Brunnen, ein Campagna-Hirt – was alle diese Blätter und Blättchen auszeichnet, das ist eine gewisse Naivität im besten Sinne, eine weder durch klassizistische noch romantische Theorien getrübte Beobachtungsfrische gepaart mit fleißiger Genauigkeit. Selten aber hält der Eifer durch bis zum gerundeten Ganzen, und gerade auf seinem eigensten Felde, der Landschaft, kommt er oft nicht weiter als bis zur trefflich gelungenen Improvisation.