Von Kurt Friedländer

Im Frühjahr 1857 fand vor dem Kriminalgericht zu Paris ein Prozeß statt, der in ganz Frankreich unerhörtes Aufsehen erregte. Gustave Flaubert, der Sohn eines angesehenen Arztes aus Rouen, selbst ein wohlhabender Mann von 36 Jahren, war angeklagt, durch einen in der Revue de Paris erschienenen Roman „Madame Bovary“ die öffentliche Moral, die Religion und die guten Sitten verletzt zu haben. „Sittenschilderung als der Provinz“ hieß der Untertitel des Romans. Der Staatsanwalt meinte, er verdiente die Bezeichnung „Die Geschichte der Ehebrüche einer Provinzialin“ An einer Fülle von Beispielen suchte er zu beweisen, daß dieses Erstlingswerk des an sich begabten Autors lüstern, gottlos und verderblich sei. Wo sollte es hinführen, wenn man jungen Mädchen und jungen Frauen einen Roman zu lesen geben dürfte, dessen Heldin schon als Kind im Beichtstuhl beim Gedanken an den himmlischen Verlobten sinnliche Lust empfinde; die sich ihrem ersten Geliebten im Walde, ihrem zweiten in einem Fiaker hingebe; die niemals so schön sei, wie nach dem Ehebruch, und noch auf dem Totenbett, auf das sie der Selbstmord führt, das Kruzifix mit Wollust küsse!

Heute dürfte kaum mehr jemand in Flauberts Roman eine Gefährdung der öffentlichen Moral erblicken. Was Madame Bovary, die Gattin eines unbedeutenden Kleinstadtdoktors, der sie mit der Gewohnheitsliebe eines ruhigen Bürgers liebt, erlebt und empfindet, ist in der Zeit der Kinsey-Reporte kaum mehr sensationell oder geheimnisvoll. Aber zu der Zeit, da Flaubert in seinem Haus zu Croisset an der Seine fünf lange Jahre Bogen auf Bogen füllte, um die Ehetragödie seiner „Bovary“ nach einem wirklichen Fall zu erzählen, lag über den Gesetzen der unbefriedigten Liebe noch der Schleier des Tabus.

Der Ausgang des Prozesses war im höchsten Maße ungewiß. Zu einer Verurteilung des Angeklagten genügte nicht, daß sein Roman objektiv Moral und Religion verletzte; der Autor mußte darüber hinaus auch subjektiv das Bewußtsein gehabt haben, sich einer solchen Verletzung schuldig zu machen, Flauberts gesamtes künstlerisches Schaffen, bis in seine innersten Motive hinein, war also einer Prüfung zu unterziehen. Solche Untersuchungen von Kunst durch Juristen sind immer ganz besonders bedenklich, wenn das inkriminierte Werk etwas künstlerisch Neues, bisher Ungewohntes bringt.

„Gustave Flaubert... führt die Feder wie andere das Seziermesser; überall spüre ich den Anatomen und den Psychologen!“ Mit diesen Worten hat der Kritiker Sainte-Beuve schon kurze Zeit nach dem Erscheinen der „Madame Bovary“ das Neue und Besondere an der Kunst Flauberts charakterisiert. Er hatte recht: Unter dem Einfluß seines Vaters, des Chefanatomen am „Hotel Rieu“ zu Rouen, hatte Flaubert gelernt, alle Erscheinungen des Lebens mit dem Auge des Wissenschaftlers zu betrachten.

Das Gericht hatte für diesen Realismus wenig Verständnis, wenn Madame Bovary „sich brutal entkleidet, sich blaß und ohne zu sprechen mit einem langen Schauer an die Brust des Geliebten wirft“ und „mit kalten Schweißtropfen auf der Stirn, mit wirr flackernden Pupillen“ ihre Arme um ihn schlingt, so sah das Gericht in dieser handgreiflichen Schilderung des Ehebruchs nur abstoßende Unmoral. Wenn der Priester bei der Letzten Ölung mit seinem Daumen „die Augen berührt, die so sehr nach irdischem Luxus verlangt; die Nase, die es nach liebesschwangeren Düften gelüstet; den Mund, der in Hoffart gestöhnt und in Wollust geschrien; die Hände, die sich an sinnlichen Berührungen gefreut haben“, so sah das Gericht in dieser erschütternden Zusammenfassung der Wahrheit eine Verhöhnung des Sakraments. Wenn es ihn trotzdem freisprach, so geschah dies nur, weil es seinen Willen zur Schaffung einer ernsten literarischen Charakterstudie nicht leugnen wollte. Flaubert war empört über diesen Freispruch, der ihn de facto auf eine Stufe mit Pornographen stellte. Er hatte die Lust verloren, seinen Roman als Buch herauszugeben. Erst auf Drängen einiger Freunde entschloß er sich dazu. Im April 1857 erschien „Madame Bovary“ zum erstenmal auf dem Büchermarkt. Ein Verleger hatte für 500 Franken auf fünf Jahre das Verlagsrecht an einem Buch erworben, das Millionenauflagen erleben sollte.

Heute sehen wir klarer als jene Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, ja vielleicht sogar als der Autor selber. Wir wissen, daß Flaubert mit seiner „Madame Bovary“ die moderne „objektive Erzählungskunst“ begründet hat. Eine neue Epoche in der Geschichte des Romans war damit eingeleitet. Der Geist der Objektivität und Wissenschaftlichkeit hatte unter dem Eindruck der großen Erfolge der modernen Naturwissenschaften gewissermaßen in der Luft gelegen, als Flaubert die Arbeit an seiner „Madame Bovary“ begann.