A-th, München

Jeder Tag bringt eine neue erschreckende Nachricht: ein Bischof bricht bei der Feier seiner Inthronisation zusammen und stirbt wenige Minuten später; ein bekanntet sozialdemokratischer Abgeordneter fällt auf der Straße plötzlich um und ist tot. Dieser Beispiele gibt es mehr. Das Thema „Managertod“ ist viele Monate lang strapaziert worden und alle Welt hat sich daran müde geredet. Nur der Betroffene selbst, eben der Managertod, hat durch die publizistische Aushöhlung nichts an Wirksamkeit und Bedrohlichkeit eingebüßt. Man könnte bald von einem Massensterben reden. Massensterben einer bestimmten Art Menschen, die nur sehr ungenau mit dem Begriff „Manager“ gekennzeichnet ist.

Der Münchner Arzt Professor Dr. Alfred Marchionini, dem dieses Symptom alarmierend genug erschien, um die Aktion „Freies Wochenende“ ins Leben zu rufen (DIE ZEIT Nr. 34/1956), weiß den Kreis der Opfer besser zu charakterisieren. „Es sind nicht nur Manager, die der plötzliche Herztod dahinrafft. Es sind jene Menschen, die der Kurfürst Maximilian von Bayern mit Kerzen verglich, die sich selbst verzehren, um anderen zu leuchten. Also vor allem Geistesarbeiter, Intellektuelle, Gelehrte, Künstler, Ärzte, Politiker, Journalisten und so weiter. Zugleich alles Leute, die zu wenig Bewegung haben.“ So sagt Professor Marchionini, und fügt hinzu: „Briefträger sterben bezeichnenderweise nie auf diese Weise.“ Das sind die zwei übereinstimmenden Eigenschaften der vom Managertod bedrohten Berufe: Mangel an Entspannung und Mangel an Bewegung. Diesen beiden Hauptursachen des Herztodes beizukommen, ist das Ziel der Aktion „Freies Wochenende“. Vorläufig geht es erst einmal darum, ein freies Wochenende – frei von Tagungen, Kongressen, Reden, schließlich überhaupt frei von jeder Berufstätigkeit ab Samstag 12 Uhr – im Monat durchzusetzen. Das Ideal bleibt aber das arbeitslose Wochenende überhaupt und immer. Sogar der Wahlkampf soll am Wochenende pausieren – die Leidenschaften sollen ruhen, Entspannung den Menschen lockern und erleichtern.

Das Fernziel mag zu hoch gegriffen scheinen; nicht von der Notwendigkeit, aber vielleicht von der Möglichkeit her. Wenigstens in Deutschland, wo Tüchtigkeit und Leistungswahn schon beinahe zur nationalen Narrheit ausgeartet sind. Professor Marchionini drückt das etwas höflicher aus. Aber er ist glücklich, daß dem Kuratorium (das sich inzwischen zur Durchsetzung seiner Idee gebildet hat) doch schon erhebliche Erfolge beschieden waren. Die Münchner Universität, die Bayerische Akademie der Wissenschaften, eine interparlamentarische Arbeitsgemeinschaft, die etwa 280 Bundestagsabgeordnete aller Parteien umfaßt, maßgebliche Regierungsstellen und Behörden in fast allen Bundesländern haben sich für die Aktion erklärt, und vor kurzem traten ihr namentlich bei: Bundeskanzler Adenauer und die Bundesminister Schröder, v. Merkatz, Schäffer, Erhard, Lübke, Storch, Strauß, Seebohm, Lemmer, Preusker, Oberländer, Kaiser, Würmeling und Balke.

Die Aktion erstrebt übrigens keine gesetzliche Regelung, sondern sie will sich auf die Überzeugungskraft des Beispiels verlassen. Ob das aber nicht etwas zuviel Optimismus ist?

Ja, und noch eins: Professor Marchionini ist nicht nur ein Beispiel für Fahrstuhlabstinenz und sonstige körperliche Bewegungsfreude. Er ist auch ein eklatantes Beispiel für jene bewußte kurfürstlichbayerische Kerze! Der ehemalige Rektor der Münchner Universität, Professor der Dermatologie, Direktor der dermatologischen Klinik und Poliklinik der Universität ist obendrein eine treibende Kraft des deutsch-französischen Kulturausschusses. Am Sonntagmorgen rief mich seine Sekretärin an, in Sachen „Freies Wochenende“. Als ich sie schüchtern auf den Verstoß gegen das Prinzip hinwies, gestand sie etwas verlegen: „Ja mei – sei unserm Chef ist das nicht immer durchzuführen.“