Sie fielen in Gottes Hand

Von Marianne Regensburger

Wenn der vom vielen Gebrauch verschlissene Begriff "Dokument der Zeit" in seinem eigentlichen Sinn überhaupt noch gelten kann, dann sind die Tagebücher Jochen Kleppers auf schier unvergleichliche Weise ein solches Dokument.

Jochen Klepper: "Unter dem Schatten Deiner Flügel." Aus den Tagebüchern der Jahre 1932 bis 1942. Mit einem Geleitwort von Reinhold Schneider. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart; 1171 S., 19,80 DM.

Sicher wird die Zeit, die diese Aufzeichnungen umschließen, besser faßbar, wenn man sich der Mühsal unterzieht, sie Seite um Seite zu lesen, bereit, auch die Trauer auf sich zu nehmen, daß sie das letzte sind, was wir von Jochen Klepper vernehmen werden. Er ist im Jahre 1942, als er seine jüdische Frau und seine Stieftochter vor den nationalsozialistischen Mördern nicht länger schützen konnte, mit ihnen in den Tod gegangen.

Die Aufzeichnungen setzen im Jahre 1932 ein, als Klepper nach abgebrochenem Theologiestudium als Journalist und Schriftsteller arbeitete, in Berlin gerade seinen Hausstand gegründethatte und von Existenzsorgen verwirrt und gepeinigt war. Aus sparsamen Andeutungen erfährt man, daß es für Klepper keinen anderen Ausweg aus den Kämpfen seiner Entwicklungszeit gegeben hat, als die Ehe mit seiner um dreizehn Jahre älteren Frau.

Die schriftstellerischen Arbeiten und Pläne jener frühen Jahre schließen einen Roman über eine Modeschöpferin ein und kreisen um ein Voltairebuch. Klepper ist interessiert an Film und Oper und hält sich für eines der stärksten Regietalente Deutschlands. Aber schon der Dreißigjährige antwortet auf die Frage, wovon er zu den Menschen eigentlich sprechen wolle: "Vom Glauben an den deus absconditus und den dem revelatus. Von Eltern, Kindern, Mann und Frau. Vom Idyll, vom Kampf, vom Abgrund, der jedes Leben umschließt. Von Heimat. Nichts von Aktivismus. Nichts von Entscheidung. Nichts von Überzeugung. Das kann ich nicht."

Damit ist Kleppers künstlerischer Weg voigezeichnet. Dieser Weg wies ihn, der sich seines starken Ehrgeizes sehr bewußt war, weg vom Literaturbetrieb, weg von kleinen Befriedigungen, zu immer größerem Verzicht auf Verdienst, Wirkung und Erfolg.

Sie fielen in Gottes Hand

Schreiben ist für Klepper – dieser Satz erscheint zu verschiedenen Zeiten mit leichten Abwandlungen immer wieder – "unausgesetzte Taufe." Aber – und das ist wichtig – stets prüft er von neuem Kunst und Existenz (die im Laufe des Jahrzehnts, das die Tagebücher umfassen, immer enger zusammenfallen) auf ihre große Gefahr hin: auf Pathos, Sentimentalität und Gefühlsüberschwang. So ist sein abwehrender Ausruf zu verstehen: "Niemals religiöse Schwärmerei!" Selten hat einer die Trennungslinie zwischen allgemeiner Religiosität und Glauben so sauber gezogen wie Klepper. Sein strenger Protestantismus ist ein Glaube, der das Leben durchwaltet, ir dem das Wort der Schrift den Tag beherrschte wie die christlichen Feste den Ablauf des Jahres.

Das Wesentliche und Dokumentarische des Tagebuches aber ist die Existenz des Dichters Klepper unter der wachsenden Bedrängung, die den Seinen (und damit ihm) droht, der "nichtarischen" Frau und den Stieftöchtern. Klepper wird früh aus seiner Stellung beim Funk entlassen, findet eine andere, untergeordnete beim Ullstein-Verlag, verliert auch diese, wird aus der Schrifttumskammer ausgeschlossen, kann nur noch mit "Sondergenehmigung" publizieren, muß um der Familie willen die Wohnung aufgeben, baut unter Schwierigkeiten ein eigenes Haus, muß es nochmals aufgeben, kann nur unter noch größeren Schwierigkeiten zum zweitenmal bauen, ermöglicht noch die Emigration der älteren Tochter. Die Jüngere bleibt. Immer beklemmender prägen die vergeblichen Versuche, diese Tochter vor der Deportation zu bewahren, die Aufzeichnungen der letzten Monate. Keine jener Finten, wie Lüge, Meineid, Versteck, die vielleicht Rettung bedeutet hätten, sind für Klepper akzeptabel. Hier offenbart sich die erschütternde Hilflosigkeit des kompromißlos sauberen Menschen in einer unmenschlichen Zeit, die ihm keinen anderen Ausweg läßt, als bis zum letzten für die Menschen einzustehen, die ihm anvertraut sind.

Doch war der Selbstmord Kleppers und seiner Familie nicht nur letzter Ausweg aus auswegloser Situation. Der Gedanke daran taucht in den Aufzeichnungen schon früh auf, und die Auseinandersetzung mit dem Selbstmord wird, wie es nicht anders sein kann, zur religiösen Auseinandersetzung. Klepper sieht klar, daß die Naturen, für die der Gedanken an den Selbstmord stets am Rande des Denkens steht, gerade die sind, "die das Leben so lieben, so heftig leben wollen, daß die Lähmungen des Lebens unerträglich für sie sind; sie sind die ganz Vitalen". Und lange bevor die Umstände ihn endgültig mit der Entscheidung konfrontieren, glaubt er, "daß der Selbstmord unter die Vergebung fällt, wie alle andere Sünde".

Wer dieses Buch liest, das nicht die Nerven packt, sondern ans Herz rührt, wer es ergriffen liest, muß sich am Ende fragen, warum es trotz aller Trauer, die darüber liegt, dennoch ein tröstliches Buch ist. Und vielleicht ist dies die Antwort: weil hier eine Einheit von Glauben und Tun demonstriert wird, die man nicht mehr für möglich zu halten wagte, weil diese Aufzeichnungen, weil Jochen Kleppers Leben und Tod eine Bestätigung dafür bedeuten, daß angesichts des Endes, das uns allen bevorsteht, nicht jene, die sich mit der Welt ausrangierten, die wahren Sieger sind.