B. R.-H., Düsseldorf

Mit wohlgesetzten Worten, die sich weit vom üblichen Amtsjargon entfernten, appellierte dieser Tage die Deutsche Bundespost in Düsssldorf und Neuß unter dem Motto „Wir hellen unserem Briefträger“ an die Menschlichkeit und Einsicht aller Hausbesitzer und Postbezieher. Außerdem winkt sie verlockend mit einem Zehnmarkschein jedem, der sich zu ebener Erde einen Hausbriefkasten zulegt, möglichst außerhalb der verschlossenen Haustür und möglichst nahe an der Straße. Den Briefträgern sollen nämlich Treppensteigen und lange Wege bei weit in den Gärten liegenden Häusern erspart werden.

Dipl.-Ing. Wosnik, der Präsident der Oberpostdirektion Düsseldorf, betonte auf einer Pressekonferenz vor allem die menschlichen Beweggründe: „Eine solche Schlepperei von 20 Kilo und mehr bei einem einzigen Zustellgang und dazu Treppensteigen täglich bis zu 4500 Stufen ist heute einfach nicht mehr zumutbar.“ Hinter dem Präsidenten standen aufgereiht, einheitlich und stahlgrau die empfohlenen Briefkastenanlagen in verschiedenen Größen. Preis je Stück: von elf Mark aufwärts, zuzüglich Anbringungskosten. Zwei vollbepackte Briefträger, eigens mit ihren Lasten hierher kommandiert, sorgten für Anschauungsunterricht.

Das Verständnis für die Wünsche der Post ist groß. Doch kann man vielfach den nicht gaiz unberechtigten Einwand hören: Nun müssen statt des einen Mannes, dessen Beruf und Aufgabe es ist, die Post auszutragen, ungezählte Frauen noch einmal zusätzlich die Treppen hinunter- und weder hinauflaufen, um aus dem verschlossenen Kasten im Erdgeschoß ihre Post zu holen.

Wenn es mit dem „Kundendienst“ der offenlichen Betriebe so weiter geht, dann wird eines Tages – um beim Beispiel der Post zu bleiben – jeder Bürger zum Postamt laufen müssen, wenn er einen Brief erwartet. Vielleicht fährt sogar eines Tages wieder ein Postwagen durch die Straßen – trari, trara! –, und wer seine Briefe haben will, hat sie hübsch brav am Wagen abzuholen.

Schließlich und endlich kassiert die Post Gebühren, die seit eh und je für die Lieferung ins Haus und direkt an den Adressaten erhoben werden. Nun will sie auf Kosten des Kunden rationalisieren, bei gleichen Gebühren natürlich. Sie verweist dabei auf soziale, personelle, wirtschaftliche und betriebliche Beweggründe. Am einleuchtendsten sind wohl die personellen Gründe: Es finden sich nämlich leider nicht genügend Kräfte für den „Einsatz in dem körperlich anstrengenden Zustelldienst, vor allem, da die Löhne und Gehälter des öffentlichen Dienstes bekanntlich ständig fühlbar hinter denen der Privatwirtschaft im Zeichen der Vollbeschäftigung zurückbleiben und nach der Rentenreform auch der Anreiz späterer Pensionsberechtigung nicht mehr sehr wirksam ist“.

Am aufschlußreichsten sind die betrieblichen Überlegungen: Hausbriefkästen verkürzen die Wege, sparen Zeit und ermöglichen somit größere Zustellbezirke. „Wir helfen dem Briefträger“ bedeutet also in Wirklichkeit: „Wir helfen der Post.“ Denn der Briefträger selbst soll in Zukunft dank des vereinfachten Verfahrens durch Hausbriefkästen in seiner „Laufzeit“ mehr erledigen!