Von iohannes Jacobi

Im Darmstädter Landestheater erlebte man im Sonntagabend einen eklatanten Theaterskandal. Es war wie bei den ersten Aufführungen – Hauptmanns und Frank Wedekinds. Sicherlich lag eine Animosität schön in der Luft. Auch damals in Berlin mußte jener Zuschauer mit vorgefaßter Meinung gekommen sein, der dann auf die Szene von Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ eine Geburtszange warf. Dennoch : der Darmstädter Publikumsaufstand bedeutete mehr als nur eine örtliche Revolte gegen den Intendanten und Regisseur Gustav Rudolf Sellner. Für jenen sogar organisierten Publikumsteil, der das experimentierende Sellner-Theater gegen die Restauration der „guten alten“ Oper vertauscht wissen möchte, war dieser Abend eine willkommene Gelegenheit, einmal rüde und öffentlich zu schreien: „Nieder mit Sellner!“ Der Vorhang fiel. Mühsam verschaffte sich Sellner an der Rampe Gehör. Er bat die Unzufriedenen, hinauszugehen. Dann wurde weitergespielt. Schließlich erzielte man doch noch einen langen Schlußapplaus, für den sich auch der Autor bedanken konnte. Es war der 45jährige in Rumänien geborene Franzose Eugène Ionesco. Aus einem graugrünen Jägeranzug sah er lächelnd auf die kochende Publikumsseele. Ionesco, ein führender Autor aus einer Pariser Avantgardistengruppe, zu der auch Samuel Beckett, Adamov und Audiberti gehören, ist wie seine Mitstreiter schon daran gewöhnt, daß bei seinen Premieren die Leute Zwischenrufe machen, ironisch laden oder pfeifen.

In Darmstadt spielte man von Ionesco zwei Einakter. Der erste, „Die Nachhilfestunde“, wurde hingenommen. Sie ist deutsch schon in Mainz und auch Freiburg aufgeführt. Das zweite Stück heißt „Opfer der Pflicht“ und wurde vom Autor „ein Pseudodrama“ genannt. Es erlebte in der Übersetzung von Werner Düggelin, inszeniert von Sellner und ausgestattet von Franz Mertz, in Darmstadt seine deutschsprachige Erstaufführung. Bei Ionesco braucht man nicht viel vom Inhalt zu erzählen. Die Handlung liefert zwar den Stoff, aber ihr schmaler Realitätsgehalt dient nur als „Zeichen“, als beliebig auswechselbare Chiffre für ein intellektuelles Spiel, das seelische Hintergründe aufreißt und an geistige Abgründe heranführt. Es gibt keine in sich geschlossene, logisch abrollende Story, die wie in der klassischen Dramaturgie auf eine einzige, klar fixierbare „Bedeutung“ ziehe. Auch die symbolische Erklärungsmethode versagt. Die einzelne Handlungsphase ist nicht in einen „Sinn“ übersetzbar. Ionesco betreibt das ursprüngliche theatralische „Spiel“ etwa im Sinn der commedia dell’arte. Seine Spielelemente sind aus dem Alltag entnommen: zum Beispiel die Banalität der höflichen Konversation unter sogenannten Gebildeten, die Langeweile eines bürgerlich gesättigten Abendgesprächs, der Umgang mit Zahlen oder gebräuchlichsten Wörtern, von deren theoretischer Magie wir nichts mehr ahnen. Da hinein spielen moderne Erlebnisse: die Angst vor der Polizei, die seelische Verdrängung ganzer Lebensperioden, die Auflösung der mit sich selbst identischen Persönlichkeit in Spaltprodukte, die Indifferenz gegenüber dem Tode, ja dem Mord, die nur noch als Zufall empfunden werden, die den Überlebenden allenfalls Scherereien bereiten. Schon dieses unvollständige Stichwortverzeichnis läßt erkennen, wie Ionescos Thematik den Menschen von heute angreift. Von der privaten Psychoanalyse und der ideologischen Weltverbesserungspredigt unterscheidet sich der Theaterautor Ionesco wesentlich, indem er nach einer zwar wertfreien, aber allgemein gültigen rein szenischen Spielform sucht.

Um dies wenigstens andeutungsweise anschaulich zu machen, sei vom Handlungsablauf gesagt: „Die Nachhilfestunde“ konfrontiert einen Professor und eine Abiturientin, die sich auf das Doktorexamen vorbereiten lassen will, aber keinen Zugang zur Theorie wissenschaftlichen Denkens findet. In der Arithmetik wird ihr das an den banalsten Subtraktionen vorgeführt, in der Philologie an der Magie des Wortes „Messer“. Schließlich macht sich das Messer, das Anschauungsobjekt, in der Hand des Professors’selbständig und ersticht das Mädchen. Das andere Stück, „Opfer der Pflicht“, beginnt damit, daß ein überaus höflicher Polizist in der Wohnung des bürgerlich saturierten Ehepaares Chaubert nachfragt, ob die Vorbewohner, die Mallots, sich mit d oder t geschrieben hätten. Daraus ergibt sich ein gespenstisches Verhör, das Herrn Chaubert in alle triebhaften Tiefen und auf alle mystischen Höhen seiner eigenen Vergangenheit jagt. Das Ziel ist, Herrn Mallot, das heißt das andere Ich Chauberts, wiederzufinden und damit die Identität der gespaltenen Person wiederherzustellen. Es mißlingt. Durch den Auftritt eines Dichters wird der Polizist in den Tod getrieben. Als die Chauberts diesem von nationalen und ethischen Phrasen begleiteten Sterben gegenüber indifferent bleiben, als Herr Chaubert kindisch vom Frieren des Polizisten und Frau Chaubert von den doch in Betrieb befindlichen Heizungsrohren sprach, da reichte es den Zuschauern, und die Rebellion im Parkett brach aus.

Es fragt sich, wie tief der Schock im Publikum gesessen hat. Der Skandal wäre ein echter Aufstand gegen das Absurde gewesen, wenn die Zuschauer, unbewußt konfrontiert mit ihrer eigenen, bis auf die Spitze der Sinnlosigkeit getriebenen Existenz, aufgeschrien hätten, weil das, was hier gezeigt wurde, so nicht sein darf. Dann hätte Ionesco wie kaum ein anderer Theaterautor der Gegenwart mit seiner intellektuellen Clownerie unseren Existenznerv getroffen. Es bleibt aber die andere Möglichkeit zu erwägen, daß sich die Protestierenden nur gegen den unverstandenen inneren Zusammenhang gewehrt haben. Dann bliebe dem Autor als Hoffnung die Zeit als Gewöhnungsfaktor.

Aber auch ästhetische Kritik muß einräumen, daß Ionesco zwar reich an Einfällen, erfinderisch im Szenenbau und präzise in der begrifflichen Diagnose ist; doch sind erst einige seiner theatralischen Symbole anschaulich tragfähig. Zuviel bleibt noch intellektueller Entwurf und verlangt vom Zuschauer geistige Sprünge. Sellners Darmstädter Inszenierung tat alles mögliche, um dem Publikum auf die Sprünge zu helfen. Von seinen Schauspielern haben sich vor allem Max Noack, Charlotte Joeres, Edmund Saussen und Udo Vioff ausgezeichnet. Sie haben sich tapfer geschlagen in einer Theaterschlacht, die ein bedeutendes Ereignis gewesen ist, falls es sich wirklich um Einsicht in unsere sinnzerfallene Welt und um den Aufstand gegen die drohende Sinnlosigkeit des Lebens handelte.