Die Bürger des amerikanischen Staates Arkankansas haben uns eine Lektion erteilt, indem sie einen deutschen Schriftsteller ehrten: sie beschlossen nämlich, den 1816 zu Hamburg geborenen und 1872 in Braunschweig gestorbenen Friedrich Gerstäcker nachträglich zum Ehrenbürger ihres Landes zu machen. Ja, ganz recht: es handelt sich um jenen Gerstäcker, der bei uns mit einigen Standardwerken, zum Beispiel den „Flußpiraten vom Mississippi“ oder den „Regulatoren des Arkansas“ noch ein bescheidenes Dasein in der Jungendbuchliteratur fristet und von Zeit zu Zeit gern wieder einmal verlegt wird, weil er tantiemefrei ist. Aber literarischer Wert wird ihm und seinen Büchern kaum noch beigemessen. Ein oberflächlicher Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts – das ist die langläufige Meinung. Und die Deutschen, die doch über jeden Lyriker, wenn er nur ein paar gereimte Strophen aufzuweisen hat, Bände schreiben, über seinen echten oder vermeintlichen Tiefsinn nachzudenken pflegen, haben über Friedrich Gerstäcker kaum etwas geschrieben und wenig nachgedacht. Aber welche Lorbeeren soll man sich auch bei der Deutung eines „Reiseschriftstellers“ schon holen?

Die Bürger von Arkansas waren darüber etwas anderer Ansicht. Sie waren es vor allem, seitdem am 2. Juli 1951 der amerikanische Geschichtsprofessor Clarence Evans zu einer Expedition in die rauhen Wayford-County-Berge in Arkansas aufbrach. Evans suchte das Grab eines jungen Engländers namens Erkswine, der einhundertzehn Jahre zuvor, im Winter l841, dort auf der Jagd von einem Bären getötet worden sein sollte. Aber Evans suchte mehr als die Leiche eines jungen Mannes, um den heute niemand mehr trauert und von dem niemand mehr etwas wissen würde, wenn nicht damals ein junger Deutscher bei dem Kampf mit dem Bären dabeigewesen wäre und das Erlebnis später aufgeschrieben hätte. Evans wollte feststellen, ob jener junge Deutsche die Wahrheit gesagt hatte. Der junge Deutsche hieß Gerstäcker. Professor Evans fand die Knochen des Toten. Gerstäcker hatte die Wahrheit gesagt.

Ist es viel, die Wahrheit zu sagen? Muß das nicht jeder gute Reporter tun? Aber bei Gerstäcker liegen die Dinge doch etwas anders. Er gehörte zu den Menschen, denen das Europa des 19. Jahrhunderts zu eng wurde. Als Kaufmannslehrling in Kassel riß er aus der Lehre aus. 1837, 21 jährig, ist er Zwischendeckpassagier nach Amerika. Aus New York schreibt er der Mutter den ersten Brief. Dann kommt ein zweiter, ein dritter, viele Briefe aus ganz Nordamerika. Und die alte Mutter in Braunschweig hat ein feines Gefühl dafür, daß sich diese Briefe unterscheiden von den tausend und abertausend anderen Briefen, die die Auswanderer damals in die Heimat zurückschicken. Der Sohn kann beboachten, das Beobachtete verarbeiten, Abstand gewinnen und klar darüber schreiben. Die Mutter gibt die Briefe an einen Verleger, Der druckt sie, Und als Friedrich Gerstäcker 1843 nach Hause zuückkehrt, da fragt ihn ein Mann am Kai in Bremerhaven, der seinen Namen gehört hat: „Sind Sie der berühmte Schriftsteller, der die Briefe aus der Neuen Welt geschrieben hat?“ – Das müsse ein Irrtum sein, antwortete der junge Gerstäcker. Es ist aber kein Irrtum. Die Mutter hatte dem Sohn den Weg zum Ruhm geebnet, noch ehe der davon wußte. –

Was nun kam, war die Karriere eines Schriftstellers, der die ganze Welt bereist: Nord- und Südamerika, Ostasien, Australien. Erstaunlich, was Gerstäcker sieht, wie problematisch ihm schon damals – man nehme nur einen Roman wie „Unter dem Äquator“ zur Hand, der im holländischen Indien spielt – die Herrschaft des weißen Mannes über die Farbigen erscheint. In Anlage und Themenstellung seiner Romane ist er bestürzend modern. Bei dem zuletzt erwähnten Buch zum Beispiel handelt es sich darum, daß ein junger holländischer Kaufmann eine junge Frau, die ihm unbekannt ist, aus Deutschland nachkommen läßt, um sie zu heiraten – was natürlich nicht gut geht. Das Buch hat kühne Schnitte, die Handlung ist nirgendwo konstruiert. Besser noch als Gerstäckers Romane sind seine beschreibenden Erzählungen, wo die Handlung nur Vorwand ist, um. dem Leser in der Heimat die Fremde näherzubringen. Meisterhaft knapp pointiert seine Berichte aus dem australischen Busch, die heute vergessen sind. Präzise in der Beobachtung seine Erlebnisse und Schilderung des Landes Arkansas, wofür er jetzt die Ehrenbürgerschaft erhielt.

Wir sind in Deutschland leicht geneigt, eine solche Schriftstellerbegabung zu unterschätzen. Das gekonnt Handwerkliche, die Solidität des Sehens, Beobachtens und Erzählens steht nicht hoch im Kurs. Aber wer die dickleibigen Schwarten liest, die heute der Unterhaltung dienen, wer ihre primitive Struktur, ihre Pseudokonflikte, ihre Flachheit, ihre Verlogenheit durchschaut, der mache doch einmal einen Versuch und greife wieder zu Büchern Gerstäckers. Er wird bezaubert sein von der klaren Luft, die hier herrscht, von den echten Problemen, die er vorfindet (und von denen auch viele noch heute ungelöst sind), von der Seriosität, die damals auch ein Unterhaltungsschriftsteller seinem Leser glaubte schuldig sein zu müssen. Außerdem bekommt er nach eine Zugabe, die er heute selbst in Werken der großen Literatur nicht mehr selbstverständlich antrifft: ein unendliches Gefühl der Freiheit, die Entdeckung der Welt durch einen kraftvollen Menschen. Wie sagte Gerstäcker kurz vor seinem Tode: „Das Leben, das ich geführt habe... würde ich gegen kein anderes eintauschen. – Ich habe jahrelang in großen Städten von Komfort umgeben und ebenso im Urwald von Wildfleisch oder einem alten Kakadu gelebt. Ich bin Gast von gekrönten Häuptern, Heizer auf einem Mississippidampfer und Tagelöhner gewesen. Aber ich war stets frei... wie der Vogel in der Luft,..“

Unsere Reverenz dem Ehrenbürger von Arkansas, dem deutschen Schriftsteller Friedrich Gerstäcker! Paul Hühnerfeld