Von Gerhard Bahlsen

Die große Ausstellung mexikanischer Kunst, die vor fünf Jahren in Stockholm, Paris und London gezeigt wurde, rückte einen Kulturkreis ins Licht, dessen Bedeutung so mancher von uns nicht recht einzuschätzen vermag. Die Sensation der Ausstellung waren großartige Schöpfungen der alten mexikanischen Kunst, die verdeutlichten, wie wenig man um die Höhe und die Vielschichtigkeit der Kulturen des alten Mexiko wußte. Was man bisher einigermaßen, im wesentlichen aus der schriftlichen Überlieferung kannte, war die aztekische Kultur, und das war das Verdienst Eduard Stiers, des Begründers der mexikanischen Altertumswissenschaft. Alles andere aber blieb dunkel; nur Funde und Ausgrabungen konnten hier weiterhelfen.

Die erregende Geschichte der archäologischen Erschließung des vorkolumbischen Mexiko beginnt im Jahre 1912, als man bei Mexiko-City, im alten Seengebiet mehrere übereinandergelagerte Kulturschichten entdeckte. Der aztekischen Kultur gingen also mindestens zwei Kulturen voraus. Die Rätsel um die mittlere, theokratische Hochkultur begannen sich zu entwirren, als der mexikanische Archäologe Gamio 1917–1922 die Pyramidenstadt Teotihuacan ausgrub. Noch immer aber blieben viele Fragen unbeantwortet. 1931 grub Alfonso Caso am Monte Alban, dem Zentrum der Zapotekenkultur, wo er den mixtekischen Goldschatz fand; die Kette der wesentlichen Entdeckungen zog sich jedoch bis 1943 hin, dem Jahr, in dem die Berichte dreier amerikanischer Forscher über ihre Grabungen an der Golfküste und im besonderen in La Venta erscheinen, durch die neues Licht fiel auf eine andere rätselhafte alte Kultur, die der Olmeken.

Die deutschen Wissenschaftler hatten an diesen Entdeckungen fast keinen Anteil gehabt. Die finanziellen Beschränkungen während des Dritten Reiches setzten ihrem Unternehmungsgeist Grenzen. Der Weltkrieg schnitt sie endgültig ab von ihrem Forschungsgebiet, und erst von 1950 an waren die Amerikanisten in die Lage versetzt, sich mit den Ergebnissen der Forschung und den in der Zwischenzeit erschienenen Abhandlungen vertraut zu machen. Es ist erfreulich, daß die deutsche Amerikanistik nach dieser Zwangspause seit neuestem wieder aktiv in den internationalen Wettbewerb eintritt und damit Anschluß gewinnt an ihre große Vergangenheit. Sie setzt dort ein, wo wirklich etwas zu tun übrigblieb: in der Gesamtschau. Nun legte der Berliner Völkerkundler und Amerikanist

Walter Krickeberg: "Altmexikanische Kulturen." Safari Verlag, Berlin; 587 S., 29,80 DM,

eine komplette Kulturgeschichte des alten Mexiko vor, ein Unternehmen, das überhaupt erst möglich ist auf Grund der archäologischen Entdeckungen zwischen 1912 und 1943. Krickeberg ist mehr als irgendein anderer zu dieser Arbeit berufen. Er ist ein hervorragender Kenner des Gegenstandes – er selbst hat wiederholt an Ort und Stelle Feldforschung betrieben. Das Ergebnis ist ein Standardwerk, dessen Fundament Literatur, Codici, Forschungsberichte, vergleichende Analyse der Denkmäler, ethnologische Daten wechselseitig stützen.

Krickebergs System ist nicht das chronologische; er geht jedesmal von dem Bekannteren aus und blendet zurück. Er beginnt bei der heutigen Großstadt Mexiko-City, in der man vor wenigen Jahrzehnten bei Ausschachtungsarbeiten auf Großplastiken und Reste der alten Tempel stieß. Das führt ihn auf das alte Tenochtitlan, die Haupstadt des aztekischen Reiches, die Hernando Cortez 1521 bei der Einnahme vollständig zerstörte. Die Eroberung ist der neue Ansatzpunkt, der von selbst zu der Zeit führt, die unmittelbar vorausging.