Daß im Mittelpunkt eines Parteitages nicht die programmatische Rede eines Parteimannes, sondern das Grundsatzreferat eines Theologieprofessors steht, ist wohl nicht nur ungewöhnlich, sondern auch bedeutungsvoll. Um so mehr, wenn es sich um einen Parteitag handelt, auf dem die größte Partei der Bundesrepublik, die CDU, darangeht, ihren Kurs für den kommenden Wahlkampf festzulegen, und wenn es sich um einen Redner handelt von dem geistigen Rang und der politischen Unabhängigkeit Professor Helmut Thielickes. Gewiß ist es für einen Mann der Kirche, dessen "Schicksal und auch Aufgabe es ist, zwischen den Parteien, den Sozialpartnern und anderen Interessengruppen zu stehen" – wie er selber sagte –, kein leichter Entschluß, aus der unverbindlichen politischen Zuschauerrolle herauszutreten und – gerade in diesen Tagen – zu einem Thema wie "Gewissen und Verantwortung im Atomzeitalter" das Wort zu nehmen; es ist ein Entschluß, der Mut erfordert. – Wir haben aus Thielickes Referat einige Stellen ausgewählt, die unseren Lesern einen Eindruck geben von Geist und Konzeption dieses Appells, den ein bedeutender Theologe an die Politiker richtete.

Es dürfte kein Zweifel darüber bestehen, daß sich in der Tat die Situation des Krieges durch die Atomwaffen grundsätzlich und nicht nur quantitativ im Sinne technischer Weiterentwicklung verändert hat. Ein kommender Krieg zwischen Gegnern mit halbwegs äquivalentem Atompotential würde nicht nur zur Vernichtung des Gegners, sondern gleichzeitig zur Selbstvernichtung führen. Der kommende Krieg würde nicht nur das Problem des Tötens, sondern auch das des Selbstmordes stellen.

Die einzig möglichen Folgerungen, die aus dieser Erkenntnis zu ziehen sind, müssen offenbar lauten, daß es erstens keine nuklearen Kriege geben darf und daß zweitens selbst die alte Fragestellung christlicher Theologie, ob ein justum bellum, also ein "gerechter Krieg", erlaubt sei, überfällig geworden und auf den Atomkrieg nicht mehr anwendbar ist. Denn der Begriff des "gerechten Krieges", also des Verteidigungskrieges, ist ja nur solange sinnhaft, wie Verteidigung überhaupt möglich ist und wie also Chancen des Überlebens bestehen. Wenn aber Angriff sowohl wie Verteidigung bei gleichrangigen Atommächten mehr und mehr identisch werden mit Selbstvernichtung, so entfallen diese Unterscheidungen, und der Begriff des "gerechten Krieges" wird absurd.

Wie sehr drängt es mich nun, an dieser Stelle folgendermaßen fortzufahren: Also sind die Weltmächte im Namen des Gewissens oder – wenn sie darauf nicht hören – im Namen des elementaren Selbsterhaltungstriebes aufzufordern, keine Atomwaffen mehr herzustellen. Und doch kann ich diesen Satz in dieser Form nicht aussprechen, weil er in einem letzten Sinne unrealistisch wäre. Man kann, so scheint mir, dieses Unrealistische nur mit dem biblischen Verständnis der Geschichte begründen: Wer nämlich in diesem pauschalen Sinne eine Abschaffung der Atombombe fordert, rechnet nicht mit der Realität des gefallenen Menschen. Denn die Welt dieses Menschen ist durch Angst und Mißtrauen bestimmt; sie ist mit unberechenbaren Menschen und Mächten angefüllt. Die Geschichte vom babylonischen Turmbau – – wir sahen das – beschreibt diese Welt der füreinander unberechenbar Gewordenen, der voreinander Geängsteten und darum zentrifugal Auseinandergetriebenen. Das heutige Verhältnis von Ost und West, das durch keine gemeinsamen und verbindenden Werte mehr bestimmt ist, aktualisiert diesen Weltzustand in einer äußersten Form und macht das Mißtrauen zu seiner entscheidenden Signatur...

Eine kontrollierte Abrüstung wird sich nur in Stufen entwickeln können, die genau miteinander synchronisiert sind, und man wird auf jeder Stufe ängstlich darauf bedacht sein, daß die Äquivalenz der Kräfte nicht verletzt wird. Keine Alternative zur atomaren Gewaltenteilung ist es dagegen, daß einer der beiden Partner eine Verzicht-Vorleistung treffen soll, die ihn dem anderen ausliefert. Ob der Verzicht der Bundeswehr auf taktische Atomwaffen eine Vorleistung dieser Art wäre, das ist eine Frage, die der Nichtfachmann nur stellen kann, für deren Beantwortung ihm aber die Kompetenz fehlt. (Er kann auch darüber eine persönliche Meinung haben. Aber sie besitzt nicht den Grad von Verbindlichkeit, den jedenfalls ein Theologe braucht, um sich ex officio dazu zu äußern.) ...

Es geht also immer wieder um das gleiche Gesetz: Wir dürfen die Welt nicht anders sehen wollen, als sie ist. Und sie ist eben ein Zustand zwischen Sündenfall und Jüngstem Gericht. Wer sie zur Hölle macht – und das könnte ja durch eine ungesteuerte Atomrüstung geschehen –, vergreift sich ebenso an diesem ihrem Wesen wie derjenige, der sie vorzeitig zu einem Himmel machen möchte, wie das der pazifistische Träumer tut. Der eine dient dem Götzen der Angst und der andere dem Götzen der Illusion.

Es ist merkwürdig, daß gerade der Christ hier zur Nüchternheit, und das heißt doch wohl zum Realismus gerufen ist und zu rufen hat. Sein Realismus besteht darin, daß er nie das Absolute wollen darf, weil es Götzendienst wäre, und daß er durch den Verzicht auf das Schwärmerische und auf das schauerlich Absolute, auf die Illusion des Weltfriedens und auf die Illusion des Gleichgewichtes der Atomriesen, an die nächsten und realisierbaren Teilstücke von Aufgaben gewiesen wird. Das Vaterunser lehrt uns nicht, um die komplette Brotration zu bitten, die unsere Ernährung bis ans Ende unserer Tage sichert, sondern um das Stück Brot, dessen ich heute bedarf. Das Christentum heiligt die nächste Wegstrecke, nichtdie Fernziele. Auch das Reich Gottes ist keine ferne Utopie, sondern es ist mitten unter uns ...