Daß der Geist vor der Gewalt in die Katakomben gehen und dort weiterleben kann, bissen wir. Am Beginn der vierziger Jahre gab es eine solche Katakombe in der Regensburger Straße im Berliner Westen. Es war die Wohnung von Hanna Bekker vom Rath, einer Frankfurterin aus alter Familie. Sie war mit dem Musikschriftsteller und Theaterintendanten Paul Bekker verheiratet, der 1937 in Amerika starb. Sie seilst lebt seit 1920, die Berliner Jahre abgerechnet, in Hofheim im Taunus.

Für die Kunst etwas riskieren, das war von jeher ihr Lebensprinzip. Paul Bekker war mit Hindemith und Krenek befreundet und half einst, sie mit Klugheit und Beharrlichkeit durchzusetzen – schon damals gegen den gereizten Widerspruch des nationalen Kunstprovinzialismus.

Seine Frau half verfemten Malern wie Erich Heckel, Nay, Schmidt-Rottluff das unterirdische Dasein überstehen. Von den Ausstellungen, die sie in Berlin heimlich veranstaltete, existierte mancher dieser „Entarteten“, und als der Bombenkrieg begann, gelang es ihr, vieles von den Werken unbeschädigt nach Hofheim zu bringen, vor allem Arbeiten Schmidt-Rottluffs. Was auf dieser Erde geschieht, verdanken wir der Leidenschaft und schöpferischen Einseitigkeit einzelner. Zu ihnen gehört die heute Zweiundsechzigjährige. Sie setzte nach dem Krieg in Frankfurt fort, was sie in Berlin begonnen hatte, nun freilich unter anderen Voraussetzungen: in einer Atmosphäre freimütiger Gespräche und konkreter Beschäftigung mit der Kunst. Aber damals, 1947, war es dennoch etwas. Es gab nichts dergleichen in Frankfurt, als sie zuerst in der Kaiserstraße am 12. Mai 1947 ihr Kunstkabinett eröffnete. Und nach der Geldumstellung wurde es nicht leichter. Jetzt, in den Räumen am Börsenplatz, geht es besser. Die Leute kaufen wieder Kunst (am wenigsten die Frankfurter selbst), auch das Ausland interessiert sich für die Galerie, die im übrigen mehr ist als ein kommerzieller Umschlagplatz für Bilder und Plastiken. Sie ersetzt, was große Städte so sehr brauchen (und selten besitzen): Einen menschlichen Sammelpunkt, einen Ort musischer Gesinnung, eine Art Kunst-Klubhaus ohne Vereinssatzungen, eine Möglichkeit auch für junge Menschen zu Gesprächen, zur Kommunikation. Hanna Bekker vom Rath stellt ihre Räume dafür zur Verfügung, kostenlos. Fast jeden Abend treffen sich hier entweder die Jazz-Leute, ein Kammermusik- und ein politischer Diskussionskreis oder Kunstschüler zum Aktzeichnen. Sie selbst hat ihren Jour fixe am Dienstag. Man kommt zu Vorträgen, zu Lesungen, zu Gesprächen zusammen: Eine Großstadt-Spezies, die konventionelle Unterhaltungen nicht liebt.

Daß dies geschieht, verdankt man der improvisatorischen Begabung der Hausherrin. Sie ist eine Frau mit weißem Haar und intensiv blauen Augen in einem bewegten Gesicht. Ihre Impulsivität ist gezügelt von weltläufiger Gelassenheit. Sie besitzt das Selbstbewußtsein eines Menschen, der etwas auf die Beine zu stellen versteht.

Beides hat ihr geholfen bei dem kühnen Plan einer einjährigen Weltreise, von der sie im Juni 1956 zurückkam. Es war ein Unternehmen aus eigener Initiative, aber durchaus nicht nur im eigenen Interesse. Ausgerüstet mit einer Kollektion, verwahrt in einem schützenden Blechkasten, trat sie im Flugzeug die Reise an, um die Bilder in Südamerika, in Afrika, in Indien vor Menschen zu zeigen, die von moderner deutscher Kunst bis dahin nichts gekannt hatten. Sie war in jeder der elf Ausstellungen selbst dabei, denn sie: weiß: Wenn eine Persönlichkeit mit ihrer Überzeugung hinter einer Kunst steht, dann ist das etwas von Grund auf anderes als die bloße Ausstellung. Zweihundert Blätter von achtundsechzig Malern zeigte sie, achtzig Blätter wurden verkauft.

Schon trifft sie Anstalten, als „Botschaftern der Kunst“, wie jemand von ihr gesagt hat, durch europäische Länder zu reisen, in England beginnend. Das erste Dezennium des Frankfurter Kunstkabinetts feiert sie in diesen Tagen mit einer Schau von Bildern aller Maler, die bisher bei ihr ausgestellt haben. Jürgen Petersen