In den Jahren 1939/40 hat die Harpener Bergbau AG, Dortmund, an die zum Reichswerk-Komplex gehörige Märkische Steinkohlengewerkschaft die Zechengrube Herne, bestehend aus den Zechen Recklinghausen I und II, Julia und von der Heydt, sowie die Zeche Victoria-Lünen, im Tausch gegen Mitteldeutsche Braunkohle abgegeben, um den Reichswerken eine Steinkohlenbasis zu schaffen, 1949 hatte Harpen gemeinsam mit der Flick-Gruppe diese Verträge angefochten und ihre Rückgängigmachung verlangt. In beiderseitigem Einverständnis wurde 1950 vereinbart, diese Streitfrage vor einem Schiedsgericht auszutragen. Das Schiedsgericht hat den Parteien einen Vergleichsvorschlag unterbreitet, der einen hälftigen Rücktausch der Objekte vorsah und im Zusammenhang damit eine Regelung der Restitutionsansprüche der Gruppe Ignaz Petschek ermöglichte. Dieser Vergleichsvorschlag ergab die Grundlage für eine Verständigung der Parteien. In Durchführung dieser Vereinbarung wird daher die Märkische Steinkohlengewerkschaft die Zeche Victoria mit den sie betreffenden Verbindlichkeiten an die Harpener Bergbau AG zurückgeben.

Mit Wirkung vom 1. Juni geht die ZecheVictoria aus dem Besitz der Reichswerke in den Besitz der Harpener Bergbau AG, Dortmund, über. Die Zeche Victoria, vor 1940 bereits zu Harpen gehörend, war seinerzeit in den Verbund der Märkische Steinkohlengewerkschaft, eine hundertprozentige Tochter der jetzigen AG für Berg- und Hüttenbetriebe, Berlin und Bonn, den früheren Reichswerken, gekommen. Sie wird nun wieder reprivatisiert und gelangt an Harpen zurück, worin Harpener Bergbau – einst Flickscher Kohlenbesitz, jetzt im Majoritätsbesitz einer Gruppe französischer Stahlwerke, nämlich der Sidéchar – eine teilweise Wiedergutmachung von Entflechtungsschäden sieht.

Die Zeche Victoria verfügt über etwa 500 Mill. t Kohlenvorräte und hat eine Jahresförderung von 1,2 Mill. t. Der Kaufpreis dürfte sich in der Größenordnung von 30 bis 40 Mill. DM bewegen. Die Reprivatisierung geht in einem Dreiecksgeschäft vor sich. Harpen zahlt an Flick den vollen Kaufpreis in bar, was vermutlich ohne Aufnahme fremder Gelder geschehen kann. (In der letzten Harpen-Bilanz per 31. Dezember 1955 erschienen Bankguthaben und Kasse mit über 30 Mill. DM.) Flick liefert dagegen einen entsprechenden Posten seines 100 v. H.-Besitzes an Aktien der Anhaltischen Kohlenwerke AG, Berlin, ehemaliger Petscheck-Besitz der Brüder Julius und Ignaz, aus. Das AK von AKW beträgt 95 Mill. DM, wovon Flick bei dieser Transaktion weniger als 50 v. H. abgibt. Harpen wird dieses Paket unmittelbar im Austausch mit der Zeche Victoria an die ehemaligen Reichswerke weitergeben. Diese bieten wiederum 50 v. H. jenes Pakets Ignaz Petschek zur Befriedigung seiner Wiedergutmachungsansprüche an die Reichswerke an. Die andere Hälfte des von Flick erhaltenen AKW-Pakets wollen die Reichswerke im Hinblick auf die spätere Wiedervereinigung mit der Sowjetzone behalten. Nach dieser Transaktion behält Flick in seinem Portefeuille noch etwa 55 v. H. vom AK der Anhaltischen Kohle; etwa 46 Mill. DM Aktien von Anhaltische Kohle dürften über Harpen an die Reichswerke gegeben worden sein.

Mit Durchführung dieser Transaktion sind auf dem Vergleichswege die Prozesse zwischen Petscheck und den Reichswerken, ferner zwischen den Reichswerken und Flick bereinigt. Flick hatte als ehemaliger Harpen-Großaktionär von den Reichswerken die Herausgabe der seinerzeit zu Harpen gehörigen Zechen Victoria in Lünen, Julia in Herne und Recklinghausen I und II verlangt. Auch Harpen sieht in der Rückgliederung und Reprivatisierung der Zeche Victoria eine annehmbare Entschädigung und Abrundung ihrer Kohlenbasis.

Die Harpener Bergbau AG hat, wie weiter zu hören ist, 1956 gut gearbeitet und eine Erhöhung der Steinkohlenförderung um etwa 3 v. H. auf 5,17 (5,02) Mill. t Kohle sowie eine Erhöhung der Kokserzeugung zu verzeichnen. Der Gesamtumsatz dürfte bei etwa 470 (430) Mill. DM liegen. Ertragslage und Beschäftigung sind im Berichtsjahr gut gewesen. Außerdem konnten außerordentliche Erträge infolge einiger wesentlicher vom Finanzamt gestatteter günstiger Bewertungen vereinnahmt werden, so daß die Beteiligung an den Chemischen Werken Bergkamen auf den Nennwert abgeschrieben werden konnte. Auch die Beteiligung Imhausen hat sich gut entwickelt. Die Gesellschaft zeigt einen erfreulichen Anstieg der Betriebsergebnisse. Es konnten gewinnbringende Lizenzverträge u. a. mit Farbwerke Hoechst abgeschlossen werden. Ende Mai wird die Bi1anzsitzung von Harpener Bergbaustattfinden. Es kann damit gerechnet werden, daß die bescheidene Vorjahrsdividende von 4 v. H. auf 127,6 Mill. DM AK nun erhöht wird. l t.

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