Film zwischen Dokument und Feuilleton

Mannheim, im Juni

Die Städte in Deutschland müssen wieder die besonderen Träger deutscher Kultur werden“, hat Bundeskanzler Adenauer neulich bei der Eröffnung des Kölner Opernhauses gesagt. Der ehemalige Oberbürgermeister weiß, was das kostet: die Länder und der Bund sollten ihnen dabei helfen. Doch der Kanzler mußte einräumen: „Sie tun es, ich gestehe es, bisher nicht in genügender Weise.“ Wo Einsicht ist, können Taten folgen. Ein offenes Ohr und eine offene Hand wird man für Kanzlersubsidien des kulturellen Stadtföderalismus in Mannheim haben. Als Oberbürgermeister Reschke die 6. Kultur- und Dokumentarfilmwoche eröffnete, deutete er unmißverständlich an, daß Erfolg, besonders internationaler Erfolg, einen Stadtetat in Verwirrung bringen kann. Zunächst hatte Mannheim ja nur an die Schüler des eigenen Stadtgebietes gedacht. Da war die Kulturfilmwoche für den Kämmerer akzeptabel. Auch diesmal zeigte man 20 000 Schülern Kultur- und Dokumentarfilme. Doch Kurt Joachim Fischer und die rührige Filmklubleitung machen immer mehr aus der Sache. Bund und Land haben geholfen, und das reicht aus, um das „Festival des Beiprogramms“ sich entwickeln zu lassen. Es wäre schade, wenn der Stadt Mannheim nun die Luft ausginge. Hier ist noch einmal etwas nur um der Sache willen, aus pädagogischer Initiative und ohne Seitenblick auf den Fremdenverkehr geschaffen worden.

Schaufenster des Beiprogramms

Das Mannheimer Kulturfilmtreffen dient als „Schaufenster“ der Branche und wird reichlich vom Ausland beschickt – allein 200 der eingesandten Streifen kamen aus 17 anderen Ländern. Das Bundesinnenministerium verteilte 37 Kulturfilm-Prämien. Die Kirchen zeigten, kommentiert von ihren Filmpfarrern, eigene Dokumentarfilme der Märchenfilmproduzenten. In einer besonderen Veranstaltung wurden medizinisch – wissenschaftliche Filme, also reine Lehrfilme vorgeführt.

Die Preisverteilung zeigt, wie schwer die ganze Gruppe von Beiprogrammfilmen zu erfassen ist. Ursprünglich schied diese Jury einfach nach kurzen und langen sowie nach in- und ausländischen Filmen. Jetzt hat man sie sachlich differenziert. Da gibt es zwar noch einen Preis für den besten Kulturfilm („Regen“ von Wolf Hart) und einen für den besten Dokumentarfilm („Wo die Berge segeln“, Dänemark). Aber daneben tauchen jeweils mit einem besten Exemplar der Informationsfilm, der religiöse Film und der künstlerische Film auf. Das reicht weiter bis zu lobenden Erwähnungen des besten Tierfilms, Reportagefilms, biographischen und zeitkritischen Films. Diese Aufreihung zeigt Kategorien, wo aber sind die Kriterien?

Das Beiprogramm im Kino muß den Zuschauer belehren. Das ist ein unbeliebtes Wort, doch daher kommt nicht nur der Name Kulturfilm, sondern auch seine Steuerermäßigung. Wenn der Staat Subventionen für Kunst oder Kultur zahlt, dann meint er immer Bildung. Die Bühnen allerdings narren ihren Nährvater ein wenig, indem sie sich auch die Operette subventionieren lassen, und die Spielfilmtheater weisen entrüstet darauf hin, wie unlogisch der Kulturstaat handelt: Werden „Figaros Hochzeit“, „Othello“ oder „Richard III.“ im Stadttheater aufgeführt, dann geschieht’s zu einem erheblichen Teil auf öffentliche Kosten. Für die gleichen Werke, verfilmt und im Kino gezeigt, muß der Theaterbesitzer Vergnügungssteuer zahlen – es sei denn, er koppelt damit einen „Kulturfilm“. Erscheint „Hamlet“, also im Film mit wandernden Aalen oder brütenden Steinadlern garniert, dann wird der Vergnügungsobulus für die Gemeindekasse um vier Prozent ermäßigt. Allerdings nicht in Bayern. Auch in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen fragen die Landesregierungen schon wieder: Waren nicht auch drei oder zwei von Hundert genug an passiver Kulturfilmsubvention?