Von Hans Bütow

Sent, im Juni

Weil wir ohne genau vorgefaßte Ziele, mit dem Mut zur Improvisation gereist waren, sind wir mit der Entdeckung eines Dorfes belohnt worden. 1400 Meter auf der linken, der Sonne zugewandten Seite des eilig nach Tirol strömenden Inn gelegen, drängen sich seine Häuser auf einem Wiesenhang zusammen, Teil einer wahrhaft riesigen Bergflanke, die von hier zu Wald und den nur zu ahnenden Gipfeln der Piz Champatsch und Soer zu immer größeren Höhen entweicht. Was sich hier dem Großstädter darbietet, ist ein ganz und gar intaktes Gemeinwesen, nicht nur in seiner Friedlichkeit und Stille. Es war zunächst, als seien hier die Uhren hundert Jahre stehengeblieben. Ein anderer Lebensrhythmus überträgt sich fast unmerklich. Ein Dorf, heiter in sich ruhend, auf seine Art zufrieden, vielleicht weil es "aus der Welt" liegt, obwohl es durch Postautos und Telephon mitihr verbunden ist. Ein überschaubarer Ort, wohlhabend wie alle in dieser gesegneten Landschaft des Unter-Engadin. Sicherlich ist es früher von den Wirren der Heerzüge, die durch dieses Tal kamen, berührt worden. 1823 und 1921 wurde es dann von schweren Brandkatastrophen heimgesucht. Dem Fremden erschließt es sich erst allmählich. – Dieses In-sich-Verschlossene des Ortes, das sich vor allem in seiner Architektur äußert, ist von hohem Reiz. Hier dominiert noch das echte Engadiner Haus, die einheitliche Hofstatt, unter deren Dach, ja oft unter einem einzigen First, alle Räume für Mensch und Tier Platz gefunden haben. Massig, mit dicken Mauern, wie von Zauberhand alle an ihren richtigen Ort gestellt, eins am andern, als wollten sie sich gegen die Fährnisse der Natur helfen, sich in der Winterkälte wärmen, scharen sie sich eng um die Kirche mit dem schlanken Turm. Jedes scheint eine Festung für sich, auffallend groß sind die Eingangstore, sonst aber scheint das Gebäude sich abzukehren. Klein sind die unregelmäßig verteilten Fenster. Aber der Eindruck dieser Wohnburgen ist alles andere als düster, denn sie sind pastellfarben, haben anmutig geschweifte Giebelfassaden und eine besondere Form mit kunstvollen schmiedeeisernen Gittern bewährter dreifenstriger Erker, die man hier balcun tort nennt.

Für den zugereisten Städter bekommt das Dasein hier einen anderen Rhythmus. Morgens um halb sieben weckt ihn das hurtige Gebimmel der Ziegenherde, die durch die engen Gassen auf die Hochalmen getrieben werden. Die Hütebuben, mit ihren Rucksäcken, altmodischen und verwitterten Kopfbedeckungen und langen Stecken, erinnern mich an Erzählungen von Jeremias Gotthelf. Etwas später folgt dann das behäbige Geläut der Kühe und das klatschende Geräusch ihrer Hufe auf dem Pflaster. Es sind schöne hellfarbige Tiere mit sanften Augen, großen Ohren und weichen Schnauzen, die wir dann am Mittag auf unglaublichen Höhen wiedertreffen werden. Lange schwelt noch etwas von ihrem warmen Atem zwischen den Mauern. Zwei verknitterte Weiblein fahren eifrig mit einem Karren umher und säubern die Gassen vom Mist. Dumpfes Gepolter dringt noch aus einigen Häusern, Türen schlagen zu; Kannen klappern, Holz wird gespalten. Aber alles klingt gedämpft, und bald tritt wieder Stille ein, die das Rauschen der vielen Brunnen nur noch intensiver macht. Das Läuten der Kirchenglocken mittags um zwölf und um sieben Uhr am Abend, die spärlichen Ankünfte und Abfahrten der zwei Postautolinien sind die milden Zäsuren des Tages.

Doch sonst, übt die Zeit hier keine Tyrannei. Die Menschen dieses von Katzen, Ziegen, Kühen und Kindern wimmelnden Gemeinwesens sind freundlich und gelassen. Die Frauen und Mädchen, die am Brunnen ihre Wäsche waschen, haben Muße zu einem Schwatz, die Kinder spielen ungestört. Ich sah, wie sich drei kleine Mädchen viele Stunden mit einer Puppe beschäftigten, mütterlich und völlig versunken – wo gäbe es das noch in-einer unserer Städte? Die Sprache, dieses ungemein schmiegsame Idiom, das sich von Dorf zu Dorf, ja sogar von Dorfteil zu Dorfteil in Tonfall, Wortschatz und Form wandelt, schließt diese Menschen von den Fremden ab. Allegra ist hier der Gruß – und diese drei klangvollen Silben enthalten die Summe alles dessen, was hier so liebenswert ist: Freue dich!

Hundert Schritte vom Dorf entfernt begegneten wir hier Rehen und einem unaufmerksamen Wiesel. Wir wandern zwei Stunden auf der luftigen Inn-Höhe langsam hinab, durch Wiesen und blühende Disteln, die voll Bienen und grüngoldener Käfer sind, und gelangen nach Schuls-Tarasp mit seinem gemächlichen Kurbetrieb und der nie abreißenden Kette durchfahrender Autos aus aller Herren Ländern. In Vulpera, nicht weit davon, mit der herbstlichen Blumenfülle seines Parks, kann man dem grotesken Grand-Hotel-Stil von 1900 begegnen, der sich in Zinnen, Türmchen, Giebeln und enormen Kaminen mit Renaissancebedachung äußert. In anderer Richtung gerät man von unserem Dorf dagegen durch steil ins Tal fallenden Wald, um die Ecke gleichsam, ins Val Sinestra, das seinem Namen wahrhaftig Ehre macht: eine wilde, wasserdurchtoste Schlucht, in die zerfetzte Baumgruppen und Geröllhalden hineinragen. An seinem Anfang steht wie eine Festung die riesige Kuranstalt, welche die fünf Sprudel arsenhaltigen Wassers nutzt, in diesem zerschrundenen und weltverlorenen Tal ein geradezu herausfordernder Kontrast.

Der Fluß rauscht tief unten zwischen steinigen und buschigen Ufern, grünblau, klar und in einer schmalen, immer wieder von Geröll gehemmten Rinne. Hier ist der Inn noch jung, ein Wildwasser, das die Berge durchbrochen hat, nach seinem Sturz vom Piz Lunghina. Er hat die silbernen Seen von Sils und St. Moritz durchflössen, sechzig Kilometer hat er bis Schuls bereits zurückgelegt, aber erst bei Innsbruck wird er sein majestätisches Maß erreichen. Ein herrlicher Fluß, schwer erreichbar auf Wegen, die von Bergblumen umstanden sind, Kinder der märchenhaften Flora dieses Landes. An seinem Ufer ist noch etwas von der Schöpfungsfrische erster Tage. Man merkt kaum die Öffnungen der Hochtäler, die in ihn einmünden, so eng sind sie.