P. W., Ankara, im Juni

Nichts hat sich in der Türkei geändert. Die ehrgeizige Sorge um die jetzige absolute Machtposition zwingt die "Demokrat-Partei" des Ministerpräsidenten Menderes dazu, die schwere Wirtschaftskrise entweder überhaupt abzustreiten oder wenigstens als sogenannte "normale Entwicklungskrise" zu beschönigen. Die ohne Rücksicht auf die bescheidenen türkischen Kapitalkräfte jahrelang geführte gewaltige aber nicht durchgeplante Investitionspolitik wird mit einem Trick gerechtfertigt: Jedermann könne sich mit eigenen Augen davon überzeugen, heißt es einfach, daß die Türkei in den letzten Jahren zu modernen Verkehrsverbindungen, Wasserkraftwerken und einer erheblichen Zahl von Fabriken gekommen ist. Noch einige wenige Jahre mit einer solchen Politik, so wird kurzerhand prophezeit, und die versprochene Produktionssteigerung und Prosperität würde Wirklichkeit...

Dabei war es gerade das völlig übersteigerte Investitionstempo und die Planlosigkeit bei der Zusammenstellung der Vorhaben, die der Türkei die katastrophale gegenwärtige Strukturkrise brachten. Das äußerte sich zunächst in einer horrenden Auslandsverschuldung, die nach türkischen Angaben von 1,2 Mrd. DM im Jahre 1955 auf 1,8 Mrd. DM in 1956 gestiegen war, nach ausländischen Schätzungen aber bereits 2,6 Mrd. DM erreicht haben muß. Indessen ist der Wert der Türkischen Lira auf den freien Devisenmärkten auf knappe 20 v. H. des offiziellen türkischen Zwangskurses gesunken.

Abgesehen von den überhöhten Belastungen durch zu umfang- und zahlreiche Ivestitionen wurde die Devisensituation der Türken auch durch die ungünstige Entwicklung der Ausfuhren beeinträchtigt. Das gilt vor allem bei den Agrarexporten. Nicht nur die übertriebenen Hoffnungen der Regierung auf Rekordernten wurden in fünf von sieben Regierungsjahren enttäuscht, sondern auch die gerechtfertigteren Kalkulationen mit Durchschnitternten.

Die katastrophale Verschuldung an sich war aber für Ankara erstaunlicherweise noch längst kein Grund, die üblichen drakonischen Restriktionen zu verhängen. Die Politik zielte vielmehr zunächst einmal auf umfangreiche Anleihen und Kredite von Seiten der ohnehin schon übermäßig engagierten westlichen Hauptgläubigerstaaten. Da Ankara aber keineswegs bereit war, Zusicherungen für eine zurückhaltendere Finanzpolitik und ein Verlangsamen des Investitionstempos zu geben, da die Türkei außerdem nicht einmal mit den vorgeschlagenen ernsthaften Round-Table-Verhandlungen über einen generellen Schuldentilgungsplan einverstanden war, scheiterten die Bemühungen um eine amerikanische 300-Mill.-Anleihe ebenso wie alle übrigen Anleihe- und Kreditgespräche mit dem Westen.

Zur türkischen Wirtschaftspolitik gehörten bis zum Frühjahr 1956 alljährlich wiederholte Tilgungsversprechen gegenüber den einzelnen Gläubigerstaaten. Stets aber ist die Erfüllung mit Zunahme der Krise immer weiter hinter den Vereinbarungen zurückgeblieben. Allein gegenüber der Bundesrepublik sind seit dem Frühjahr 1955 von den in der Höhe auch noch umstrittenen Verpflichtungen zwischen 60 bis 86 Mill. $ gerade 10 Mill. $ abgedeckt worden. Nachdem das Vertrauen in die türkische Kreditfähigkeit auf dem Tiefpunkt angelangt war, besteht seither auch kaum noch ein Interesse an dieser Art Tilgungsvereinbarungen mit der Regierung in Ankara.

Die von der hohen Auslandsverschuldung und der unbefriedigenden Ausfuhrentwicklung verursachte Devisenknappheit hat eine Kette von Krisensymptomen ausgelöst: Am Anfang standen Importstockungen. Sie führten einerseits zu Verzögerungen bei der Fertigstellung der Entwicklungsvorhaben und andererseits in den wenigen Industrien zu Kurzarbeit und vorübergehender Arbeitseinstellung. Daraus wiederum entstanden Warenverknappungen und Arbeitslosigkeit. Da die Regierung den Arbeitslosen ausgerechnet durch ein Abreißprogramm für die winkligen, alten Stadtviertel Istanbuls und Ankaras neue Verdienstmöglichkeiten erschloß, gilt im Prinzip von allen einzelnen Krisensymptomen dasselbe: Sie haben das Anwachsen der Kaufkraft im Verhältnis zur Produktionsentwicklung unverhältnismäßig beschleunigt.