Von den "glücklichen zwanziger Jahren" kann man heute selbst die deutschen Literaten sprechen hören, die damals noch nicht schreiben und lesen konnten. "Die glücklichen zwanziger Jahre": Das ist ein Ausruf der Sehnsucht und der Resignation. Ich will nicht aufzählen, was wir damals hatten und was wir heute vermissen. In den "zwanziger Jahren" als Schriftsteller Rang und Namen gehabt zu haben, ist eine Deputation, die ein Chirurg hat, wenn er des großen Sauerbruch Assistent war, ein Journalist, wenn er in jenen Jahren für Ullstein die Welt bereiste – Wie muß da erst ein Autor angesehen sein, der der angesehenen Literatur jenes Jahrzehnts nicht nur angehörte, sondern sie gar parodierte? – Ich spreche von Robert Neumann.

Robert Neumann: zu Wien geboren, Sohn aus dem Osten der großen Monarchie eingewanderter Juden. Mediziner zuerst, Hilfsschullehrer dann, Bankdirektor danach – Schriftsteller schließlich, Verfasser vieler Romane (einige von ihnen, in der Emigration in England englisch niedergeschrieben, sind bis heute noch nicht in des Autors Muttersprache übersetzt), Parodist der beiden unvergeßlichen Bände "Mit fremden Federn" und "Unter falscher Flagge". Robert Neumann, ein Sechziger nun, hat seine Erinnerungen geschrieben:

Robert Neumann: "Mein altes Haus in Kent. Erinnerungen an Menschen und Gespenster" (bei Kurt Desch in München, 339 S., 13,80 DM).

Das sind Erinnerungen, die niemanden schonen, am allerwenigsten den Autor selbst. Das Manuskript wird geschrieben in einem alten Landhaus in Kent; dem "Rathaus", in dem schon Daniel Defoe dichtete, ein Haus nicht ohne das obligatorische englische Landhausgespenst, das nachts den weiblichen Besuchern des Dichters erscheint. Unterbrochen werden Neumanns Reisen in die Vergangenheit immer wieder durch das Mädchen Griselda, ein junger Besuch aus Deutschland, den Neumann schließlich – weil sonst die Aufenthaltsgenehmigung für England abläuft – heiratet. Aber hier ist es an der Zeit, eine Probe des Textes zu geben:

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Griselda bekommt also die Mitteilung, sie müsse vor Sonntagmorgen das Land verlassen, und ich sage übelgelaunt: "Nun werd nicht erst blaß und rot. Heute ist erst Mittwoch, das gibt uns drei Tage, am Samstag heiraten wir. So wirst du Engländerin, und sie können dich nicht mehr ausweisen. Damit schlagen wir sie um zwölf Stunden."

Sie wird nun erst recht blaß und rot, starrt mich an und sagt stimmlos: "Ich hab dich nicht verstanden. Sag das noch einmal."