Tu, Prag, Mitte Juni

Die Koordinierung der Fünfjahrpläne der Ostblockländer, die zu Beginn von 1956 eingeleitet worden war, hat durch die Ereignisse in Polen und Ungarn einen schweren Schlag erlitten. Der tschechoslowakische Planungschef Otakar Simunek mußte vor dem obersten Partei-, gremium eingestehen, daß die Koordinierung der Volkswirtschaften der "sozialistischen" Länder schleunigst verbessert werden müsse; bisher seien lediglich die ersten Schritte gemacht worden, die nur Kinderkrankheiten mit sich brachten.

Gegenüber den bisher vertretenen Ansichten, die Koordinierung sei ein Allheilmittel gegen alle Unzulänglichkeiten, ist Simunek nach dem wirtschaftlichen Ausfall Ungarns und der Krise der polnischen Wirtschaft heute bedeutend vorsichtiger: "Wir dürfen freilich in bezug auf die Koordinierung keine phantastischen, überspannten Ansprüche stellen. Wir müssen es jedoch einsehen und die befreundeten sozialistischen Länder davon überzeugen, daß wir bei der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf die Dauer nicht mit bloßer Bilanzierung des Bedarfes und mit Hilfsmitteln auskommen. Wir müssen eine internationale Arbeitsteilung erreichen, denn nur ein koordiniertes Bemühen ist imstande, die wirtschaftliche Kraft der sozialistischen Länder zu vervielfachen."

Unter dem stalinistischen System wurden die Volksdemokratien in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht streng isoliert entwickelt, da man sogar in einer Zusammenarbeit der Satelliten eine Gefahr für die sowjetische Vorherrschaft erblickte. Wie gering jedoch die "Fortschritte" in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Länder im Vorfeld der Sowjetunion sind, mußten tschechoslowakische Abgeordnete bei einem Besuch in der Sowjetzone feststellen. Obwohl bereits vor Monaten feierlich verkündet wurde, daß die Betriebsleiter und Ingenieure der beiden Länder nunmehr das Recht haben, bei dringenden Produktionsfragen in direkten Kontakt zu treten, wurde diese Forderung der wirtschaftlichen Vernunft ebensowenig verwirklicht wie die Bereinigung der Typen. Außer der meist auf dem Plan gebliebenen Produktionsteilung, die auf der Berliner Sitzung des Rates für wirtschaftliche Zusammenarbeit (COMECON) schon im Mai 1956 beschlossen wurde, kam man nicht viel weiter.

Es gibt eigentlich nur ein Beispiel für die Zusammenarbeit der CSR, "DDR" und Polens, wenn man von den Bestimmungen, was die einzelnen Länder bevorzugt erzeugen sollen, absieht: Die gemeinsame Errichtung eines Zellulosekombinates in der rumänischen Hafenstadt Braila, das die reichen Schilfvorräte des Donaudeltas verarbeiten soll. Das Projekt der Fabrik, die 100 000 t Zellulose jährlich erzeugen soll, stammt von mitteldeutschen Ingenieuren. Die Tschechoslowakei wird das E-Werk, einen Teil der Fabrikanlagen und die Maschinen zum Abernten von Schilf liefern; sie hat bereits Versuche mit Hubschraubern angestellt, die mit einem rotierenden Messer, an der Radachse befestigt, das Schilf abmähen. Auf jeden Fall werden Hubschrauber zum Abtransport von Schilfgarben aus dem Sumpfgebiet verwendet werden. Polen wird schließlich die Transportanlagen des Kombinates liefern, das dem Plan nach bereits 1960 seinen Betrieb aufnehmen, soll.