Wien, im Juni

Als der russische Außenminister Molotow am 15. Mai 1955 im ehemaligen Schloß des Prinzen Eugen von Savoyen in Wien den österreichischen Staatsvertrag unterfestigte, da mag ihm eines fast sicher erschienen sein: daß nun das Verhältnis zwischen dem Ballhausplatz und Bonn auf Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte hinaus, gründlich vergiftet sei. Und wer hätte in der Tat damals vorauszusagen gewagt, daß so kurz darauf der deutsche Kanzler über die Adlerstiege der Hofburg emporschreiten würde, um den österreichischen Präsidenten seine Aufwartung zu machen? Und wer hätte erwartet, daß überall, wo seine aufrechte Gestalt sichtbar wurde, sei es vor dem Hotel Krantz Ambassador, beim Verlassen der Domkirche von St. Stephan oder auf dem Weg nach dem mächtigen Stift Klosterneuburg, dem "österreichischen Eskorial", der Ruf "Hoch Adenauer" ertönen und dem Gast eine Herzlichkeit entgegenschlagen würde, die unverkennbar frisch und echt war?

Was liegt diesem erfreulichen Phänomen zugrunde? Zunächst wohl etwas rein Persönliches. Vieles im Wesen Adenauers, des "Kölner Löwen", wie ihn der Historiker Friedrich Heer apostrophiert hat, spricht den Österreicher und gerade den Wiener unmittelbar an. Die Menschen der großen Donaustadt sind auf einem Boden uralter Kulturablagerungen aufgewachsen und verbinden einen ausgeprägten historischen Sinn mit einem gewißen Skeptizismus, der sie großen Worten und salbungsvollen Phrasen gegenüber von vornherein mißtrauisch macht. Schon deshalb müßte die nüchterne, eher spöttische als weiche Art des Gastes aus dem Rheinland, zu dem Österreich vielfältige historische Beziehungen hat, hier ebenso sehr gefallen wie die in ihren Gesten knapp bemessene, unverkennbar herrrenmäßige Art seiner Repräsentation. Vielleicht haben die Wiener auch noch gespürt, daß sie es hier mit einem Überzeugten, nicht aber mit einem Besessenen zu tun hatten. Die Wiener "Furche" schrieb jedenfalls: "Der rheinische Politiker Adenauer, der den Kampf um die Macht so ungewöhnlich geschickt zu führen weiß und den Instinkt für die Macht besitzt... ist selbst kein Gläubiger der Macht. Das ist vielleicht seine geheimste Stärke und macht den Zauber seiner Persönlichkeit aus."

Freilich hätte auch dieser Zauber niemals ausgereicht, die von den Russen so sorgsam zwischen Deutschland und Österreich gelegten politischen Tretminen zu entschärfen, wenn nicht die Politiker auf beiden Seiten Geduld, Verständnis und staatspolitisches Können an den Tag gelegt hätten. Es ging ja nicht allein um die leidige Frage des deutschen Eigentums, die nun in einem großen Vertragswerk (das seinem Wesen, nach niemals allen Wünschen und Erwartungen gerecht werden kann) Regelung finden wird. Politisch war vielleicht der ganze Begriff des "österreichischen Weges" und seine mißverständliche Anwendung aufs deutsche Exempel mit noch gefährlicheren Risiken belastet. Zweifelsohne hat es hier entspannend gewirkt, daß der Ballhausplatz diesen "österreichischen Weg" nie als einen Exportartikel angesehen hat. Darüber hinaus waren die österreichischen Staatsmänner nüchtern genug zu erkennen, daß ihr Verdienst damals in der blitzschnellen Erfassung einer vielleicht einmaligen weltpolitischen Chance lag – nur ein kurzes Zögern, und ganz Ostösterreich hätte in die ungarische Tragödie hineinschlittern können. Wenn man es am Ballhausplatz sorgfältig vermied, vor seinem Nachbarn mit dem "österreichischen Weg" zu prahlen, so geschah es nicht allein aus dem taktvollen Wunsch, die Position Adenauers nicht schwieriger zu machen. Andere und gewichtigere Gründe gesellten sich dazu. Viele österreichische Politiker sind nämlich der Ansicht, daß die österreichische Bündnisfreiheit und das deutsche Bündnisengagement nicht Gegensätze, sondern Gegenstücke sind, Korrelate ein und desselben politischen Systems, in dem es zwar kleine Hohlräume (wie etwa Österreich und Schweden) geben kann, ohne daß man deshalb auch den starken deutschen Mittelpfeiler ungestört herausbrechen könnte.

Janko Musulin