Seit dem 1. Januar 1957 ist das Saargebiet zehntes Bundesland unter besonderer Berücksichtigung seiner bis etwa Ende 1959 befristeten Zugehörigkeit zum französischen Wirtschaftsraum. Spätestens drei Jahre nachher erfolgt also auch die wirtschaftliche Rückgliederung des Landes und damit der Schlußstrich unter ein Kapitel, das dem deutsch-französischen Verhältnisbislang wenig förderlich war.

Die Bundesrepublik hat sich allerdings den Franzosen gegenüber vertraglich verpflichten müssen, dafür als "Ablösung" einen hohen Preis zu zahlen. Darüber hinaus kommt der Bund nicht umhin, dem Saarland finanziell unter die Arme zu greifen und seiner Wirtschaft zu ebenbürtigen Startbedingungen zu verhelfen. Während das benachbarte Lothringen mit Hilfe des Staates und reichlichem Zufluß an Marshall-Plan-Geldern heute über hochmoderne Produktionsanlagen verfügt, ist an der Saar ein erheblicher Investitionsrückstand aufgelaufen. Bergbau und Industrie, Handwerk, Handel und Verkehrswirtschaft werden zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit in den nächsten Jahren, grob veranschlagt, zwischen zwei und drei Mrd. DM investieren müssen. Die Finanzierung soll zu mehr als der Hälfte der veranschlagten Summe aus Eigen- und Selbstmitteln, Kapitalmarktmitteln und Zuschüssen aus dem Landeshaushalt erfolgen. Der verbleibende Betrag wird vom Bundesgebiet erwartet: in Form von Kapitalbeteiligungen an Großunternehmen, von ERP-Krediten und von Zuschüssen aus dem Etat. Einschließlich der im Saarvertrag festgelegten deutschen Leistungen an die Franzosen und u. a. der Kosten für die Moselkanalisierung bedeutet das eine empfindliche Belastung für den bundesdeutschen Steuersäckel...

Abgesehen davon, daß die Rückführung einer Million Deutscher so oder so ein Gebot der Stunde war, darf aber doch festgestellt werden, daß die Aufwandseite der Saar-Rückgliederung mehr als aufgewogen wird durch den Zufluß an saarländischer Produktionskraft, die das Wirtschaftspotential Westdeutschlands fühlbar verstärken wird. Insbesondere nach der Durchführung der allerdings kostspieligen Investitionen wird der Bund an der Saar über ein leistungsfähiges Industrierevier verfügen.

Die Wirtschaft des Landes erzielte im vergangenen Jahr ein Bruttosozialprodukt von (kaufkraftmäßig umgerechnet) etwa 3,6 Mrd. DM, das sind mindestens 2 v. H. der vergleichbaren bundesdeutschen Leistung. Nach Abzug der ersatzbedingten Abschreibungen und der indirekten Steuern verblieb in der gleichen Zeit ein Volkseinkommen von rund 2,6 Mrd. DM. Die Gesamtumsätze der Wirtschaft beliefen sich auf etwa 8,7 Mrd. DM. Rund die Hälfte des Betrages entfaill auf Bergbau und Industrie, die mehr als 50 v.H. ihrer Produktion exportieren. Davon gehen etwa zwei Dittel nach Frankreich, während die Lieferungen ins Bundesgebiet auf Grund der Exporterschwerungen (irrealer Wechselkurs, hohe Transportkosten und teilweise überalterte Betriebseinrichtungen) zur Zeit nur etwa ein Viertel der Gesamtexporte ausmachen.

Die Saar bedeutet somit für das Bundesgebiet einen willkommenen Zuwachs. Sie vergrößert mit 2567 qkm die Fläche Westdeutschlands um 1 v. H. und mit einer Million Einwohner die westdeutsche Bevölkerung um 2 v. H. Nach einer Analyse des Statistischen Bundesamtes verfügt die Saar sogar über eine günstigere Altersgliederung als die übrigen Bundesländer. Auch die Zuwachsrate der Erwerbspersonen von zusammen 330 000 Arbeitern und Angestellten beträgt etwa 2 v. H. Weit über diesem Durchschnitt liegen die durch die Rückgliederung bedingten beschäftigungsmäßigen Veränderungen in den Bereichen der Steinkohlengewinnung (+ 14v.H.), der Eisen-und Stahlerzeugung (+ 12 v. H.), des Stahl- und Waggonbaues(+4,5v.H.) und der Feinkeramischen- und Glasindustrie (+ 5 v. H.). Die Saargruben bringen mit rund 17 Mill. Jahrestonnen einen Zugang an verwertbarer Steinkohle von rund 13 v. H., die Hüttenwerke mit 3,2 Mill. t Rohstahl (1955) einen Produktionszuwachs um sogar 15 v. H. Der unter saarländischem Boden abbaufähige Gesamtkohlenvorrat wird auf 4 Mrd. t geschätzt. Die Stromerzeugung der saarländischen Gruben- und Hüttenkraftwerke erreicht etwa 3 v. H. und die saarländische Gaserzeugung rund 8 v. H. der bundesdeutschen Produktionsleistung.

Auch die Erzeugung der weiterverarbeitenden Industrie ist trotz der Ausdehnung der Produktionskapazitäten nach dem zweiten Weltkrieg anteilmäßig zwar nicht so groß, aber immerhin recht beachtenswert. Daraus darf übrigens auch der Schluß gezogen werden, daß die in vielen verarbeitenden Zweigen kaum mehr als 1 v. H. betragende saarländische Produktion, soweit sie die Absatzmöglichkeiten an der Saar selbst, in Frankreich und im sogenannten großen Export, d. h. in dritte Länder, übersteigt, ohne Nachteile für die bundesdeutsche Konkurrenz auf dem kaufkräftigen deutschen Markt untergebracht werden kann. W. G.