Bozen, im Juni

Als zu Anfang des Jahres vierzehn Südtiroler unter dem Verdacht der Sprengstoffattentate und anschließend auch der Schriftleiter der Dolomiten, des Organs der Südtiroler Volkspartei, Dr. Volgger, verhaftet wurden, gingen die Wogen der Erregung hoch. Italienische Kreise glaubten, mit Volgger endlich Seele und Initiator des Südtiroler Widerstandes und geistigen Urheber der Attentate in die Hand bekommen zu haben. Was aber gleich danach allgemeines Unbehagen hervorrief war, daß die Staatsanwaltschaft entgegen allen sonstigen Gepflogenheiten über die Gründe der Verhaftung beharrlich schwieg.

Als dann im April Dr. Volgger und mit ihm sechs der Inhaftierten freigelassen wurden, blieben viele der vorher so stürmischen italienischen Blätter in ihren Äußerungen mehr als reserviert. Die meisten brachten nur eine kurze Notiz: Dr. Volgger sei freigelassen, weil beide ihm zur Last gelegten Verdachtsmomente ("Anschlag gegen den Staat" nach § 241 und "Politische Verschwörung" nach § 305) nicht in Betracht kämen.

Mit der Entlassung Volggers erfüllte sich, was viele im Lande und in den verschiedensten Lagern um den Entspannung willen gewünscht – viele Italiener aber auch sehr gefürchtet: hatten. Gefürchtet nämlich darum, weil jeder vernünftig Denkende sich darüber klar war, daß die Verhaftung eines so exponierten Mannes wie Volgger ohne hinreichende Schuldbeweise ein schwer wiedergutzumachender taktischer Fehler war, vor allem auch gegenüber dem unparteiischen Ausland.

Wer war schuld? Der Staatsanwalt, seit langem heftig angegriffen wegen seiner übermäßigen Schärfe, seit langem auch unbeliebt bei den eigenen Landsleuten? Oder Rom – dessen Einwilligung der Staatsanwalt angeblich vorher eingeholt hatte?

Wie dem auch sei, das Ganze war ein bedenklicher Lapsus. Um so mehr wäre nun eine verbindliche Geste an die Südtiroler Adresse am Platz gewesen, dem anscheinend politisch befangenen Staatsanwalt einen anderen Tätigkeitsbereich zuzuweisen. Aber aus Nervosität oder Konzeptionslosigkeit unterließ Rom diese Geste – und verpaßte damit eine gute Gelegenheit, den oft beteuerten guten Willen in Südtirol unter Beweis zu stellen. Inzwischen ist Dr. Volgger bei der letzten Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei (SVP) unter Beifallsstürmen zum ersten Vorsitzenden gewählt worden und eine nordtiroler Zeitung schreibt dazu halb triumphierend, halb drohend, man werde bald merken, woher in der neuen Landesleitung der SVP der Wind wehe.

Eine weitere Gelegenheit, sich generös zu zeigen, verpaßte Rom auf der Münchner Handwerksmesse. Die Vorbereitung der Ausstellung wurde dem italienischen Außenhandelsinstitut übertragen und auf Weisung aus Rom über dem Stand auch die Bezeichnung "Südtiroler Handwerk" weggelassen. Daraufhin drohte der verantwortliche Südtiroler Landesassessor, den ganzen Stand abbrechen zu lassen. Da erst gab man in Rom nach.