Von Carl Georg Heise

Wie im Bericht unseres Münchener Korrespondenten über die Wiedereröffnung der "Alten Pinakothek" angekündigt, legen wir heute die kritische Betrachtung unseres Mitarbeiters vom Fach vor: Professor Dr. Carl Georg Heise hat sich in der Zeit, da er der Hamburger Kunsthalle als Direktor und ihr Erneuerer aus den Trümmern des Krieges vorstand, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch immer wieder mit der hier behandelten Frage beschäftigen müssen: Wie sollen Museen heute aussehen?

Die Fachleute urteilen anders als die von museumstechnischer Sachkenntnis unbelasteten Kunstfreunde. Selten hat man so viel geflüsterte, besserwisserische Kritik gehört wie beim Festakt zur Eröffnung der Alten Pinakothek in München und beim Gala-Empfang am Abend in den strahlend erleuchteten Räumen; ungewöhnlich groß aber war auch die Freude, ja der Jubel derjenigen, die sich des erneuten Besitzes einer der schönsten Galerien der Welt im traditionellen Rahmen dankbar versicherten. Beide Parteien haben ihre guten Gründe.

Leidenschaftlich ist gekämpft worden um die grundsätzliche Entscheidung: Neubau oder Wiederherstellung des alten, durch Bomben schwer beschädigten Hauses, das als einer der ruhmreichen Zeugen des Klassizismus zur Zeit Ludwigs I. und als Meisterwerk seines Erbauers Leo Klenze galt.

Die Streitaxt ist begraben. Die Traditionalisten haben gesiegt, wie es kaum anders zu erwarten war. Schwer aber können sich die Befürworter einer radikalen Erneuerung von dem Wunschtraum trennen, daß hier aus dem Geist unserer Tage von einem der für die ganze Welt bahnbrechenden deutschen Architekten – etwa den exilierten Mies van der Rohe oder Walter Gropius – ein modernes Gehäuse von höchstem künstlerischem Rang für die königlichen Schätze hätte entstehen können.

Aber ist es nun der alte Klenzesche Musterbau, den wir jetzt vor uns haben? Auch die Lobredner des Wiederaufbaues können es nicht leugnen, daß das jetzt Erreichte unzulänglich ist gegenüber dem, was uns als vorbildlich in einer vergoldenden Erinnerung steht. An den feierlich stimmenden alten Klenzeschen Treppenaufgang an der Ostseite erinnerte der Bundespräsident in seiner Eröffnungsansprache. Um diesen Treppenaufgang ging auch vor Jahren vor allem der Kampf der Restaurationspartei. Trotzdem hat man schließlich auf seine Wiederherstellung verzichtet. Im ebenfalls geopferten (wohl wirklich nicht wiederherstellbaren) Loggientrakt mit der reizvollen Ausmalung nach Entwürfen des Peter Cornelius im raffaelischen Geschmack, hat der Architekt Döllgast einen neuen Aufgang geschaffen: der ist von allgemein getadelter, lustloser Nüchternheit, doppelläufig, aber allzu eng, jeder Stimmung bar, statt festlicher Erwartung Schwindelgefühle erweckend. Völlig zerstört ist auch der elegante, maßvoll klassizistische, weiß-goldene Dekor der Räume, an den einzig das wiederhergestellte Eingangsportal zum Rubens-Saal schmerzlich erinnert. Kahl und defloriert wirken die hohen Oberlichtsäle.

Die Sammlung als solche ist nicht systematisch angelegt, wie etwa das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin. Sie spiegelt die Kunstleidenschaft ihrer fürstlichen Besitzer, darin Dresden vergleichbar. Sie hat grandiose Höhepunkte und auch einige schmerzliche Lücken (kein Carravaggio, kein Watteau). Wie ehedem ist der große Rubens-Saal mit dem 4,48 m hohen "Engelsturz" der Mittelpunkt; insgesamt 65 Gemälde und Ölskizzen des großen Flamen verzeichnet der Katalog, darunter so weltbekannte wie "Die Geißblattlaube", das "Bildnis der Helene Fourment" oder "Die Landschaft mit dem Regenbogen". Rembrandt dagegen ist gewiß interessant, aber weit weniger reich und kaum besonders attraktiv vertreten. Kleiner als die niederländische Abteilung ist die italienische. Aber mit ihren herrlichen Tizians, an der Spitze die erschütternde späte "Dornenkrönung", das Bildnis Karls V., die kühn komponierte, malerisch reiche "Madonna in der Abendlandschaft", mit ihren drei Raffaels (leider allzu beiläufig placiert), der unvergleichlich linienschönen und ausdruckstarken "Grablegung Christi" von Botticelli hält auch sie europäischen Rang. Kaum ein berühmter Name bis hin zu Tiepolo und Guardi fehlt.