Der Staatsmann und die Forderung des Tages

Da ist also der Bundeskanzler, wie unser Korrespondent und auch alle andern berichten, in Österreich mit solcher Wärme und Herzlichkeit empfangen worden, wie noch in keinem anderen Lande. Wien und Berlin sind wahrscheinlich die Städte, in denen man Adenauer mehr Achtung zollt als irgendwoanders. Die Wiener und die Berliner auf ihren vorgeschobenen Posten westlicher Lebensart wissen (weil sie täglich gezwungen sind, darüber nachzudenken), wofür sie stehen und was sie preisgeben müßten, wenn das Attribut westlich in östlich verkehrt würde. Eigentlich sollte das zu denken geben – ich meine, die Tatsache, daß Adenauer gerade dort so populär ist.

Jedenfalls ist es zweckmäßig, sich dies wieder einmal vor Augen zu führen, denn allzu viele Stimmen gefallen sich mittlerweile darin, die "Überständigkeit" Konrad Adenauers, seine "verfehlte Außenpolitik", seine "Abhängigkeit von Amerika" oder neuerdings auch den "Verlust der amerikanischen Freundschaft" zu kritisieren, die er angeblich nicht zu bewahren vermochte.

Im Spiegel dieser Kritik wird es kurzerhand so dargestellt, als sei es nur John Foster Dulles und Konrad Adenauer zuzuschreiben, daß die Teilung Deutschlands, Europas, der Welt noch nicht überkommen wurde. Mit anderen Worten, als sei einfach die Methode falsch; was wiederum unterstellt, daß es irgendwo eine richtige Methode gäbe, die Probleme anzugehen. Also, daß irgendwo eine Lösung verborgen ist, die es zu entdecken gelte, so wie Madame Curie eines Tages die Radioaktivität entdeckte.

Aber eine solche Lösung, die ihrer Entdeckung harrt, gibt es nicht. Die Vorstellung von Frieden und Sicherheit als einem Normalzustand, die Vorstellung also von einer Harmonie in Permanenz ist wahrscheinlich eine Erfindung unseres ideologischen Zeitalters. Im Gründe gab es nie jenen idealen Normalzustand, der dann jäh von irgendeinem perfiden Ruhestörer unterbrochen wurde und der wiederhergestellt werden kann, wenn man nur – wie der Prinz im Märchen – das richtige Schlüsselwort weiß.

Auch in jenem sagenumwobenen Jahrhundert zwischen dem Wiener Kongreß und dem ersten Weltkrieg, als England mit dem Prinzip des Gleichgewichts der Kräfte die europäische Politik nachdrücklich beeinflußte, glich die Tätigkeit der Staatsmänner einem nie abreißenden Balance-Akt, bei dem jede falsche Bewegung eine unheilvolle Entwicklung, wenn nicht gar den Krieg auszulösen drohte. Ein sehr wesentlicher Unterschied war nur, daß es im damaligen Konzert der Völker eine Fülle potentieller Feinde gab, während die heutige Blockbildung die Zahl der Hauptrivalen auf zwei reduziert hat; aber konstante Freundschaften gab es damals so wenig wie heute.

Palmerston predigt Pragmatismus