Vor Monaten brachte der NDR zwei japanische Hörspiele und ließ nun ein polnisches folgen. "Wir sind mitten in der Operation heißt in Viktor Mikas Verdeutschung und Heinz Schwitzkes Funkbearbeitung der kurz vor der Gomulka-Umwälzung entstandene "Ostry Dyzur" von Jerzy Lutowski.

Lutowski beherrscht sein Metier. Er hat, obwohl die Gattung Hörspiel längst gezeigt hat, daß sie ohne das Dramatische glänzend auskommen kann, seine Arbeit mit scharfen dramatischen Akzenten ausgestattet. Der Ort der Handlung ist ein Krankenhaus irgendwo in der polnischen Provinz, unweit Bruisk, mitten im Winter, bei Schneefall und Unwetter. Ein großes Tier, ein Politiker, der eine Volksversammlung abgehalten hat, erkrankt plötzlich. Für die sofort erforderliche Blinddarm-Operation steht Dr. Osinski zur Verfügung, ein hervorragender Arzt. Aber während der Patient schon die Äthernarkose bekommt, verbietet der Funktionär des Sicherheitsdienstes dem Chirurgen den Eingriff Osinski, stellt sich heraus, hat aus politischen Gründen im Gefängnis gesessen. Er hat mit seiner ärztlichen Kunst nationalen Partisanen geholfen, gegen die polnische Volksdemokratie und die Rote Armee. Wer bürgt also dafür, daß er die Operation nicht dazu benutzt, sich für die Gefangenschaft und eine verpfuschte Karriere zu rächen?

Ein politisch integrer Ersatz-Operateur soll aus dem 34 Kilometer entfernten Brujsk herangeholt werden. Aber er kommt nicht. Osinski, der sich die Entbindung von seiner Operationspflicht hat schriftlich bestätigen lassen, wird nun doch noch gebeten einzugreifen. Er hat die Trümpfe in der Hand. Aber von Konflikten gelähmt, sträubt er sich. Die Überraschung bringen die Schlußsätze der Operationsschwester, während der Brujsker Kollege doch noch eintrifft: "Dr. Osinski bittet um größte Ruhe! Wir sind mitten in der Operation!"

Man sieht, das Hörspiel hat das Temperament des Reißers. Aber es erreicht eine größere Tiefe schon im Plädoyer für die säuberliche Trennung von Politik und ärztlichem Ethos. Dem Repräsentanten des Sicherheitsdienstes (Heinz Klevenow) und dem flachen, nur ideologisch funktionierenden Verwaltungsdirektor des Krankenhauses (Hans Paetsch) steht ihr Genosse Dabek (Walter Richter) gegenüber. Er macht sich Gedanken über die gesellschaftliche Wiedereinordnung politisch Verurteilter vom Schlage Osinskis. "Zweifeln wir etwa an der Kraft unserer Wahrheit, daß wir einem Mann wie Osinski den Zugang zum Leben vermauern, genauso wie man ihn uns damals vermauert hat?"

Diese Selbst- und Gewissenskontrolle, diese unvoreingenommene Untersuchung der eigenen Schwäche ist das wichtigste Moment des Hörspiels. Aber man sollte nicht gleich auf Aufsässigkeit und revolutionäre Gesinnung des Autors schließen. Das wäre zum mindesten voreilig. Wir neigen leider im allgemeinen dazu, in manchem literarischen Produkt des Ostens triumphierend revolutionären Willen zu wittern, wo es sich um den ziemlich reinen Typus der Evolution handelt.

In seiner Inszenierung (mit Hans Christian Blech, Erwin Kaiser, Fritz Wagner, Irmgard Forst, Viola Wahlen) zeigte Fritz Schröder-Jahn, daß solche realistischen Hörspiele schon längst kein Kopfzerbrechen mehr bereiten: er beherrscht sie bis zur Vollkommenheit. R. D.

Wir werden sehen: