Berlin, im Juni

Zum drittenmal binnen kurzem ist dem Bischof Dibelius dieser Tage die Einreise in seinen Amtsbereich verboten worden; durch Verweigerung eines Passierscheines hindert Pankow ihn an der Ausübung seiner kirchenamtlichen Funktionen. Der Kurmärkische Kirchentag, der, 1927 von Dibelius ins Leben gerufen, alljährlich am Sonntag nach Pfingsten in Potsdam stattfindet, mußte ohne den Bischof begangen werden.

Der Druck auf die evangelischen Christen Mitteldeutschlands, durch brüske Briefe schon vor Beginn der Spandauer Synode im März eröffnet und im Verbot des Thüringer Kirchentages augenfällig geworden, verschärft sich ständig durch eine intensive Politik der Nadelstiche. Vor wenigen Tagen verbot das Staatssekretariat für Hochschulwesen den theologischen Fakultäten die Zulassung von Absolventen des Kirchlichen Oberseminars Hermannswerder bei Potsdam, eines wichtigen Nachwuchsreservoirs künftiger Pfarrer und Gelehrter. Die Kapazität der theologischen Fakultäten war kürzlich bereits um ein Drittel eingeschränkt worden (die vorgesehene Schrumpfung auf ein Drittel hatte man glücklich verhüten können). Auch die Hochschullehrer sind knapp geworden; in Leipzig, mit 300 Studenten der größten Fakultät der Zone, lehren heute praktisch nur zwei ordentliche Professoren. Gleichzeitig hat sich die finanzielle Lage der Kirche durch das verfassungswidrige Verbot der Zwangseinziehung von Kirchensteuern im vorigen Jahr verschärft. Der Ton der Staatsfunktionäre, Propagandisten und Publizisten gegenüber der Kirche ist aggressiver geworden; so scharfe Worte wie jetzt, erklären Kirchenvertreter, habe man seit vier Jahren nicht mehr gehört.

Doch ist niemand in der Kirche gewillt, ein Nachlassen der Spannung damit zu erkaufen, daß sich die Kirche von ihrem leitenden Amtsträger trennt. Von Synoden, Kirchenleitungen und Gemeinden der Ostkirche und ganz Deutschlands wird dem Bischof das Vertrauen ausgesprochen. Die Provinzialsynode von Berlin-Brandenburg, dem unmittelbaren Amtsbereich von Dibelius, hat im Mai die "ebenso maßlosen wie unwahren Angriffe" gegen den Bischof zurückgewiesen und erklärt, daß sie sich nicht von dem Manne trennen lasse, den sie selbst zu ihrem leitenden Oberhaupt berufen habe.

Der Kirchenkampf, vor vier Jahren als Ouvertüre des "Neuen Kurses" beigelegt, ist neu entbrannt. Neben der akademischen Jugend bildet die evangelische Kirche heute das Hauptangriffsziel für einen unsicher gewordenen und darum heftig reagierenden Staat. Doch wie stets weckt der Kampf Kraft und Gewissen der Gemeinde. Sie schart sich um ihren Bischof, trägt Belastungen und bringt Opfer, auch finanzielle; die Festtagskollekten mancher Gemeinden haben sich um das Zehnfache erhöht. Jene Wandlung von der Volkskirche zur "Kirche der praktizierenden Evangelischen", von der Dibelius vor einigen Monaten sprach, ist von den Christen der Zone bereits weithin vollzogen.

Sabina Lietzmann