Geschichten, die auf hoher See oder an der Wasserkante spielen, haben sich von jeher als ein Genre für sich konstituiert. Wenn sie auch hochdeutsch geschrieben sind, scheinen sie sozusagen plattdeutschen Stilgesetzen zu unterstehen. Nur ein sehr großer Dichter, wie Joseph Conrad, ist davon frei. In der Regel schlüpfen die Autoren dieser Stoffe in eine fertig vorgefundene friesische oder sonstwie karg-deftige Einheitshaut und bestehen darauf, durchaus etwas für sich zu sein, nicht mit normalen ästhetischen Maßen zu messen. Hans Leip ist ein gutes Beispiel für das Pro und Kontra dieses Tatbestandes. Immer wenn der Dichter der reizenden Lili Marlen auf volle Prosatouren kommt, wie in seinem neuaufgelegten Kurzroman

Hans Leip: "Die Bergung", Kindler-Verlag, München; 202 S., 6,80 DM,

hat man seine liebe Not, vor all dem Salzwasser trocken zu bleiben, den Sturzseen sprachlicher Unbekümmertheit standzuhalten und darüber den Faden nicht zu verlieren, obwohl derselbe doch denkbar einfach ist.

Die Story ist das Ergehen eines Kapitäns, den die Frau von seinem Beruf, dem harten Fach der Bergungsschiffahrt, wegholt ins Heim und ins Büro, der es aber auf die Dauer nicht aushält, auf wesensfremdem Gleis zu laufen, sondern ausbricht und wieder zur See geht. Für die Frau erweist sich ihre Liebe stärker als ihre Enttäuschung: sie verzeiht, und die Ehe ist gerettet, auf die Gefahr hin, daß sie einst das Gefürchtete erleben muß:

"Wie bald vielleicht würde sie selber der trostlosen Schar zugehören, die sich seit Vorzeit und Wikingerzeit über der Nordsee sehnsüchtig fernwärts reckt und ruhelos hin und her zieht und ihr Leid über den Küsten ausweint."

Ich will hernach sagen, weshalb ich diesen Satz zitiere.

Es ist das naheliegendste, das klassische Thema der Seemannsgeschichte, neben der Schilderung von Sturm und Schiffsuntergang. Ohne es kann eine Seemannsgeschichte nicht sein (sie sei denn von Joseph Conrad, dem Zauberer), und mit ihm kann jede bestehen – vorausgesetzt, daß sie von rechtem Schrot und Korn ist. Schrot, das ist die Beherrschung des Milieus; Korn, das ist die richtige Sprache.