Kommunistische Regierung im indischen Kerala bringt Sorgen für links und rechts

New Delhi, im Juni

Weit mehr als hundert Korrespondenten aller Länder fanden sich in der indischen Hauptstadt ein, um eines der Weltwunder unserer Tage in Augenschein zu nehmen: Shri Ellankulath Sankaran Manakkal Namboodiripad. Dieser Mann, dessen unaussprechlicher Name selbst? indischen Zungen Mühe macht und der darum kurz "E. M. S." genannt wird, ist seit einigen Wochen Ministerpräsident des südindischen Staates Kerala und damit Gebieter über fast 14 Millionen Menschen.

Er ist der erste kommunistische Ministerpräsident der Geschichte, der auf dem Wege demokratischer Wahlen (und in einer Demokratie) an die Macht gekommen ist. Kein Wunder, daß er Sorgen hat, die seinen kommunistischen Premierskollegen unbekannt sind. Er hat eine sehr knappe Mehrheit, er kann nämlich von 126 Abgeordneten nur auf 60 Kommunisten und 5 kommunistische "Unabhängige" zählen und er muß sich mit der wachsamen, furchtlosen und parlamentarisch wohlgeübten Opposition der Kongreßpartei und der Sozialisten herumschlagen. Auch muß er sich mit einem Gouverneur (einer Art Reichsstatthalter) arrangieren, der als alter Kongreßmann und Organ des Präsidenten der Indischen Republik sicher seine eigenen Vorbehalte und bestimmt auch zentrale Weisungen hat.

Er verbrannte sein Kastenzeichen

Die verwöhnten Journalisten Delhis wurden nicht enttäuscht. Sie fanden Namboodiripad intelligent, seiner Sache und seiner Tatsachen sicher, nicht ohne Sinn für Humor und keineswegs das repräsentierend, was unsere Väter und Großväter unter einem Kommunisten verstanden hätten. Das ganze Land weiß inzwischen, wer "E. M. S." ist. In dieser Abkürzung kommt übrigens "Namboodiripad" nicht vor; es gehört nämlich nicht eigentlich zum Namen, sondern bezeichnet die Kaste – in diesem Falle die höchste der Brahmanenkasten in diesem Teile Indiens.

Der scharfsinnige junge Student lehnte sich schon in jungen Jahren gegen die ihm von der Tradition aufgezwungene Exklusivität auf und setzte sich das für einen Angehörigen des höchsten Clan bemerkenswerte Lebensziel: Von einem Namboodiripad zum normalen Menschen zu werden. Als 20jähriger verbrannte er feierlich seine heilige Brahmanenschnur und wies sich damit als radikaler Sozialrevolutionär und Freigeist aus. E. M. S. gehörte ursprünglich zum Kongreß Gandhis und Nehrus. Dorf stand er stets sehr weit links, machte als Führer einer kurzlebigen "Sozialisten Kongreßpartei" von sich reden und gründete schließlich im Jahre 1939 die Kommunistische Partei in dem damaligen Maharaja-Staat Travancore-Cochin der heute einen Teil des Staates Kerala bildet. Daß er nun 18 Jahre später auf unbestritten demokratische Weise seine Partei zum Siege führen konnte, hat die indischen Kommunisten vor eine im kommunistischen Weltbild eigentlich nicht vorgesehene Situation gestellt.