o. f., Wiesbaden

In einer hessischen Großstadt steht am Fenster seiner Werkstatt der Schneidermeister X und schätzt – unter Zuhilfenahme seiner Elle – die Flughöhe eines vorbeiheulenden Düsenjägers, während eine rüstige alte Dame aus der Dachluke gegen die Sonne blinzelt und während sie sich mit beiden Händen die Ohren zuhält – den Typ und das Erkennungszeichen des Flugzeugs auszumachen sucht.

Beide können sie sich nämlich neuerdings beschweren über diese lärmenden Übeltäter, die zu niedrig fliegen; der hessische Arbeits- und Wirtschaftsminister Franke selbst war es, der mit den amerikanischen Flugplatzkommandanten übereinkam, alle Piloten zu bestrafen, die als lärmende Tiefflieger von der Bevölkerung angezeigt werden. Allerdings sind dazu detaillierte Angaben über die Flughöhe des Sünders (600 Meter dürfen nicht unterschritten werden) und über Art und Kennzeichen des Flugzeugs notwendig. So wurde es verordnet.

Darf man vermuten, daß in Kürze Blitzkurse im Flugzeugerkennungsdienst für die Bevölkerung eingerichtet werden und daß Minister Franke die Hilfsgeräte sowie Tabellen zur Berechnung der Flughöhe kostenlos unters Volk verteilt, damit sich die Proteste der fluglärmbelästigten Bundesbürger häufen?

Schneidermeister X. und die alte Dame in der Dachluke werden jedenfalls die ersten sein, die Anzeige erstatten, denn es ist ihnen, so glauben sie, trotz Gegenlicht und Überschallgeschwindigkeit des rücksichtslosen Piloten gelungen, die erforderlichen Daten festzustellen. Nur über eines streiten sich die beiden noch: welche Möglichkeiten sie wählen sollten, die Lautstärke zu bezeichnen: ob "Phon", "Dezibel", "Hertz" oder "Watt". Darüber nämlich hat der Minister, der dem Lärm, dem "Schmutz des 20. Jahrhunderts", zu Leibe rücken will, nichts verlauten lassen.