M. D., London

Die britischen Abrüstungsfachleute waren bis zum Eintreffen der neuen sowjetischen Vorschläge für eine Zeit von zwei bis drei Jahren Versuche mit Atom- und Wasserstoffbomben einzustellen, stolz darauf, daß man ihnen nicht, wie ihrem amerikanischen Kollegen Harold Stassen vorwerfen konnte, sie seien zu optimistisch. War Stassen der "große Idealist" (unter Politikern ist der Titel "Idealist" kein uneingeschränktes Lob), so waren sie, die Engländer, und ebenso ihre französischen Kollegen mit dem unverwüstlichen Jules Moch an der Spitze, die "Realisten".

Alte abgebrühte Abrüstungskonferenzler sind nicht so leicht zu erschüttern (das Einzige, was sie noch erschüttern könnte, wäre vielleicht ein Erfolg ihrer Bemühungen), aber überrascht waren sie doch, daß Optimisten und Pessimisten nach dem Bekanntwerden des "Sorin-Plans" ihre Rollen so plötzlich vertauschten: heute sind es die Amerikaner, die die Köpfe hängen lassen und dem Gedanken Sorins, Atomexperimente und Abrüstung getrennt zu behandeln, keine rechte Chance geben, obwohl sie zugeben müssen, daß Harold Stassen ganz ähnliche Vorschläge in der Tasche hatte, sie aber wegen der Einwände der Bundesgenossen (auch Englands!) nicht auf den Verhandlungstisch legen konnte.

Einiges an dem "Sorin-Plan" gefällt den englischen Abrüstungsdelegierten ganz gut. Vor allem das uneingeschränkte Bekenntnis zum Gedanken der Kontrolle, und man hofft, daß die Sowjets nun auch ihre Bereitschaft erklären werden, in dem von England vorgeschlagenen Ausschuß zur Prüfung der technisch geeignetsten Kontrollmethoden mitzuarbeiten.

Aber das letzte Wort zum "Sorin-Plan" hat London noch nicht gesprochen. In Macmillans Brief an Bulganin (der zwar vor dem Bekanntwerden der neuen sowjetischen Vorschläge geschrieben wurde, aber, wie man annehmen darf, auch heute noch die Ansicht der britischen Regierung widergibt) heißt es: "Ein Abkommen zur Registrierung, Begrenzung und schließlichen Einstellung der Versuche ... ist für sich genommen noch kein Abrüstungsabkommen. Es wäre auch kein Ersatz für ein allgemeines, konventionelle und nukleare Waffen sowie ein wirksames System der Kontrolle umfassendes Übereinkommen."

Natürlich ist, wie auch die Times feststellt, ein Teilabkommen nie ein Ersatz für ein allgemeines, umfassendes Abkommen. Insofern enthält Macmillans Satz eine Selbstverständlichkeit. Aber an einer anderen Stelle seines Briefes sagt Macmillan, daß England "Fortschritte in der Abrüstungsfrage" als Schlüssel zu einer Minderung der Ost-West-Spannungen" betrachtet. Mit "Fortschritten" können auch kleine Schritte und Teilabkommen gemeint sein und in diesem Sinne läßt sich vielleicht zwischen dem Macmillan-Brief und dem "Sorin-Plan" eine Brücke schlagen.

Gewisse britische Kreise sehen in dem "Sorin-Plan" einen so entschiedenen Schritt der Scwjets in Richtung auf die britischen Vorschläge von 6. Mai dieses Jahres, daß sie Macmillan den Rat geben, dem Plan der Sowjets zuzustimmen, falls Moskau bereit ist, auch die Details und die Methoden der Kontrolle ernsthaft zu diskutieren.