Von Gösta von Uexküll

Nicht Heldenverehrung und Hymnen aufs Vaterland wollen wir von einem modernen Geschichtsprofessor hören – davon hatten wir in der Vergangenheit genug –, sondern die lautere Wahrheit und eine vorurteilsfreie Darstellung aller Tatsachen, gleichgültig ob sie uns angenehm sind oder nicht...

Gar soweit sind wir auf diesem Wege noch nicht gekommen, und auch der originelle Gedanke des englischen Geschichtsphilosophen Christoffer er Dawson, englischen Geschichtsunterricht nach Treitschke und deutschen nach Macauly zu geben und dadurch zu einer übernationalen Geschichtsschau zu gelangen, ist – obwohl durchaus ernst gemeint – – von den Schulbehörden diesseits und jenseits des Kanals niemals ernst genommen worden.

Das berechtigt uns aber nicht dazu, die Hände in den Schoß zu legen und so zu tun, als sei es egal, welche Wege die Geschichtsforschung in anderen Ländern einschlägt. Man stelle sich nur vor, ein eingefleischter Vansittart-Anhänger bekäme einen Lehrstuhl für moderne Geschichte in Oxford oder Cambridge. Eine Generation von künftigen Politikern, Diplomaten und Historikern würde von ihm zu hören bekommen, die Deutschen seien eine Nation von butcher-birds (Würgern – kleinen besonders gefräßigen und mordlustigen Raubvögeln), wie das Vansittart in unzähligen Rundfunkvorträgen während des Kriegs und in seinem Buch Black Record verkündete.

Nun etwas Derartiges ist nicht geschehen und wird auch kaum geschehen. Aber was in Oxford soeben geschah, nämlich die Ernennung des Journalisten und Historikers Hugh Trevor-Roper zum Regius-Professor für moderne Geschichte ist leider auch kein Ereignis, über das man sich vom europäischen oder irgendeinem anderen Standpunkt aus freuen könnte. Trevor-Roper ist kein "Rachebengel", aber die große Sicht über die nationalen Grenzen und vor allem über die Grenzen persönlicher Vorurteile und fixer Ideen hinaus ist ihm leider durchaus versagt geblieben. Das weiß man auch in London und Oxford. Offenbar aber war kein anderer Kandidat vorhanden, der sowohl der Konservativen Regierung genehm (die Besetzung dieser besonderen Professur erfolgte früher durch den König, daher der Name "Regius-Professur" und heute durch den Premierminister) als auch genügend prominent ist.

Was immer man zu Trevor-Ropers Gunsten sagen mag, er ist jedenfalls kein Mann des Ausgleichs und der Versöhnung, dazu ist er viel zu leidenschaftlich und hat viel zuviel Freude am scharfen, verletzenden Wort. Historiker können, ja sie müssen Temperament haben, aber es darf sie nicht verleiten, den Boden der Sachlichkeit, der Wahrheit und des guten Geschmacks zu verlassen ... Als junger Offizier des britischen Geheimdienstes zog Trevor-Roper 1945 in das zerstörte Berlin ein und erhielt den Auftrag, alles verfügbare Material über Hitlers Ende zu sammeln. Das Resultat dieser mit großem Fleiß und Geschick durchgeführten Arbeit war sein erfolgreiches Erstlingswerk, Die letzten Tage Hitlers.

Danach beschloß er, Historiker zu werden. Aber in den zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, hörte man weniger von seinen historischen als von seinen journalistischen Arbeiten. In Buchbesprechungen für englische und amerikanische Zeitschriften zog er abweselnd gegen Katholiken, Kommunisten, Professor Arnold Toybee und Graf Folke Bernadotte vom Leder und erwarb sich auf diese Weise bald den Ruf eines geistreichen, aber giftigen enfant terrible. Er selbst hört es lieber, wenn man ihn einen Anti-Dogmatiker und Skeptiker nennt. Aber leider macht seine Skepsis halt vor den Dogmen, die er selbst aufstellt.