RH-Hamburg

In den Hamburger Ausstellungshallen hatten die Polsterer ausgestellt, die Tapezierer, Sattler und die Dekorateure, die jetzt Raumausstatter heißen. Drei Tage waren sie dort unter sich, und nicht selten konnte man sie gewissermaßen auf eigenen Pfühlen beim Glase Schnaps zusammensitzen sehen. Ist man nur richtig gepolstert, bringt das Geschäft so ein Gläschen leicht wieder ein. Wie man sich bettet, so schläft man bekanntlich.

Und man bettet sich – tags oder nachts – nun vorzugsweise auf Schaumstoffen, scheint es; denn "vorgeformt" für das Bett, das Sofa, die Couch und den Sessel, vorgeformt für Sitze in Fahrzeugen zu Wasser, zu Lande und in der Luft, sind die Bestandteile hier zu sehen, die der Polsterer nur noch unter der mehr oder weniger schmücken Außenhülle zu verbergen braucht. Am letzten Ausstellungstag durften die Nichtpolsterer die Hallen betreten, die laienhaften Sitzer und Lieger, und sie durften betrachten, wie es im Innern der Möbel aussieht.

Das gab ihnen die seltene Chance, die vielen bunten Farben jener Materialien zu sehen, die – so die Bezugsstoffe ewig halten – fortan ewige Nacht bedecken wird. So viel Farbe und Buntheit nur zum Verstecken zu erfinden, das erinnert – will man mir die Unangemessenheit des Vergleichs nachsehen – an den Farbenreichtum der Pflanzen und Tiere in den Tiefen der Ozeane. Aber auch jene werden ja zuweilen erblickt. Und so wäre es denn doch denkbar, daß auch jemand, der die Polstererausstellung in Hamburg nicht besucht hat, eines Tages durch einen Riß im Sesselbezug in die farbige Tiefe sieht und die gelbe oder rosa Schaummulde oder -muschel erkennt, die seinen Sessel im Innersten zusammenhält.

Ein Händler in der Ausstellungshalle ist gerade dabei, einem Tapezierer solch eine vorgeformte Sesselmulde anzupreisen: "Ist kinderleicht," sagt er, "nichts wie Pappe hinternageln und Stoff drauf. Fertig bist du!"

Bei aller Einfachheit solchen Verfahrens ist diese Art von Tapeziererkunst wohl doch nicht typisch für das ehrbare Polstererhandwerk. Am Material, ob vorgeformt oder nicht, liegt es allein nicht. Auch aus Schaum soll ja schon manches Schöne geboren worden sein.

Die meisten Arbeiten dürften heute in der Mitte liegen zwischen dem System "Stoff drauf, fertig" und jenen prächtig-soliden Sattlerwerken, die wie historische Erinnerungsstücke am Ende der einen Halle aufgestellt sind: keine Möbel zwar, sondern lederne Pferdegeschirre. Aber sie sind doch Erzeugnisse desselben Handwerks, aus einer Zeit allerdings, als Sattler, Polsterer, Tapezierer und Dekorateure noch nicht den feinen Namen Raumausstatter hatten, jedoch mit eigener Erfindung und Kunst erstaunlicherweise trotzdem schon Innenräume herrlich ausstatteten.