In Recklinghausen haben die 11. Ruhrfestspiele begonnen. "Antigone" von Sophokles war die erste Neuinszenierung eines Spielplans, der außerdem Schillers "Parasit" und Goethes "Iphigenie" als Zentralwerke enthält. Bühnengastspiele aus Berlin, Zürich und Wien ergänzen das klassische Repertoire durch moderne Stücke.

Die Ruhrfestspiele sind auf dem Wege, ein "durchschlagender Erfolg" zu werden. 200 000 Menschen sollen in sechs Spielwochen erreicht werden. Da Recklinghausen dafür zu klein wäre, sind die Künstler ambulant geworden. Die "Ruhrfestspiele auf Rädern" gastieren mit den beiden Neuinszenierungen dieses Sommers in 16 Städten des Landes Nordrhein-Westfalen (und in Braunschweig).

Da mildernde Umstände höflich verbeten sind, muß man es offen sagen: Die "Antigone"-Aufführung war eine Enttäuschung. Hervorragende Darsteller sahen sich um den Lohn der Mühe betrogen; ein gerade noch höflicher Beifall des geladenen Premierenpublikums beendete hundert Minuten wachsenden Mißmuts. Im Zuschauerraum war die Langeweile hörbar geworden.

Den Anlaß zu dieser Fehlzündung lieferte Friedrich Hölderlin. Seine "Antigone"-Übertragung ist ein Dokument eindeutschender Dichterkraft. Aber die Sprachfügung scheint dem unmittelbaren Verständnis heute so entrückt zu sein, daß die Regie interpretieren muß. Dabei ging Karl Heinz Stroux in die Irre. Er unterspielte einen hochpathetischen Text durch realistisches, psychologisch pointiertes Kammerspiel. Die Form zerplatzte, und aus den Fugen quoll zum Schluß gar Komik. Was als Festredner Bruno Snell, der Hamburger Altphilologe, mit einer geistvollen Korrektur des Fortschrittsbegriffs herausgearbeitet hatte, die welthistorische "Antigone"-Entdeckung, von den Zuschauern wurde das vielleicht begriffen, doch nicht erlebt: die Herrschaft des Rechts als Konsequenz des Denkens.

Wenn Künstler im Rahmen der Ruhrfestspiele einmal versagen, sei’s durch Stilfehler oder durch Lässigkeit, dann wiegt der Verlust schwerer als in einer gewöhnlichen Theatervorstellung. Bei einem zu zwei Dritteln für die Kunst noch zu erobernden Publikum "kommt" als Werk nur "an", was auch darstellerisch "stimmt". J. J.