Von Monika Lepsius-Berend

Als sich zum hundertsten Male der Geburtstag des großen Berliner Porträtisten Lepsius jährte, biten wir die jetzt in Baden lebende Tochter dieses deutschen Impressionisten, uns ein Bild ihres Vaters, so wie sie ihn aus nächster Nähe sah, zu zeichnen – weil wir finden, daß sein Werk, obwohl durch neue Entwicklungen in der Kunst scheinbar "überholt", uns auch heute noch etwas zu sagen haben könnte.

Vor 100 Jahren wurde mein Vater Reinhold Lepsius, Porträtmaler, Mitbegründer der Berliner Sezession und Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, als Sohn des Ägyptologen Richard Lepsius in Berlin geboren. In seinem geselligen Elternhaus konnte er schon frühzeitig Männer wie die Brüder Grimm, Humboldt, Ranke, Treitschke und Helmholtz kennenlernen und betrachten. So wurde seine künstlerische Begabung auf die Darstellung interessanter Köpfe gelenkt.

Die Studienjahre führten meinen Vater über Karlsruhe nach München, wo er an der Akademie seine Ausbildung vollendete. Später, nach dem Tode des Vaters im Jahre 1884, siedelte der junge Maler dann ganz nach München über: Von dort aus begannen die "Wanderjahre" meines Vaters. Er bereiste Italien und Frankreich. Ein in Rom gemaltes Porträt der jungen Marchesina Maria Guerrieri-Gonzaga ist wohl unter den Frauenbildnissen der Frühzeit das bedeutendste.

Den Übergang zu einer neuen Malweise bildet ein ebenfalls in Rom entstandenes, heute in der Nationalgalerie hängendes kleines Bild, das die junge Sabine Graef (später meine Mutter) darstellt. Die Freundschaft und die gemeinsame Arbeit mit dieser Studienfreundin in Rom, Paris und Berlin löste ihn von den festgelegten Begriffen, mit denen er aufgewachsen war. Schon lange beschäftigte, ja beunruhigte ihn die moderne französische Malerei, und vollends durch das Erlebnis von Paris wurde mein philosophisch maßvoll verhaltener Vater zum "Revolutionär". Im Jahre 1889 schrieb er an Sabine aus Paris:

"Daß man empfindungsstark sein kann, ohne phantastisch zu sein, und zugleich Wirklichkeitsgefühl haben kann, ohne Philister zu sein, das ist das Wesen der neuen Zeit, in der Malerei schon längst vorhanden in Paris."

Sabine, die Tochter des Porträt- und Historienmalers Gustav Graef, hochbegabt für Musik und Malerei, wurde für meinen Vater eine verständnisvolle Lebensgefährtin. Das junge Paar siedelte bald nach der Heirat im Jahre 1892 aus München in die alte Heimat Berlin über.