Im niedersächsischen Landtag wird in den nächsten Tagen über die Aufteilung der Befugnisse zwischen Landrat und Oberkreisdirektor debattiert. Ein Thema, abseits der großen Politik, das – stellt man es nur ohne Klauseln dar – des allgemeinen Interesses gerade deshalb würdig ist, weil es um die alltägliche Politik geht, die jeden Bürger betrifft. Man sollte die Diskussion in Hannover genau verfolgen.

Viele, die sich seiner Figur und seines Wirkens noch entsinnen, sind überzeugt, daß der preußische Landrat von einst eine Art Idealgestalt war. Er wurde schon als Referendar für die Verwaltungslaufbahn geschult, wobei seine Ausbildung darauf zielte, keinen bloßen Bürokraten zu züchten. Keineswegs! Stand in seiner Beurteilung das Wort "korrekter Praktiker" oder "unbestechliche Persönlichkeit", so war’s nicht genug. Genug war’s erst, wenn es auch noch hieß: "Hat natürlichen Kontakt zur Bevölkerung" oder "Macht die Sorgen der Bürger zu seinen eigenen."

War es so, daß der eine Landrat als ein peinlich exakter Klein-Landesvater von streng konservativer Lebenshaltung auftrat, so kam auch jener andere Typ vor, wie ihn der heutige Bundestagsabgeordnete Dr. Menzel (SPD) repräsentierte, der einmal der jüngste preußische Landrat war: halb Fachmann, halb Volksmann. Daß die Engländer in den ersten Besatzungsjahren dem Landrat jenes preußischen Schlages den Garaus machten, nachdem Hitler ihn schon genugsam dadurch bedrückt hatte, daß er ihm einen "Kreisleiter" an die Seite stellte, dies bedauern noch heute viele. Was die Engländer stif-– teten, war zunächst Verwirrung. Unter dem Motto "Selbstverwaltung" nahmen sie dem Landrat seinen Titel weg. Sie nannten den höchsten Verwaltungsbeamten eines Kreises stattdessen "Oberkreisdirektor". Und dann gaben sie den "Landrats"-Titel jenem Manne, der als primus inter pares dem Kreistag, also der Versammlung der gewählten Volksvertreter, als Vorsitzender präsidiert, wobei er, da er ein Mann der Politik ist, auch als Sprecher der jeweils herrschenden Partei auftritt. In Wirklichkeit gibt es keinen Landrat mehr, jedenfalls nicht in Niedersachsen. Und doch kann man in den Kreisstädten die Leute fragen hören: "Bitte, wo ist das Landratsamt wenn sie zur Kreisbehörde wollen. Kurzum, der neue, der politische Landrat (der keiner ist) hat sich in zwölf Jahren Nachkriegszeit nicht durchsetzen können.

Und die kommende Parlamentsdebatte in Hannover? Ja, wollen sie also den alten Landrat wieder ins Verwaltungsdasein rufen? Eben nicht! Sie wollen dem Oberkreisdirektor, soweit er heute noch gewiße Vollmachten des früheren Landrats hat, in diesen seinen Wirkungsmöglichkeiten noch stärker beschneiden. Vernünftig oder unvernünftig: diese Frage mögen die niedersächsischen Parlamentarier aller Parteien ernsthaft prüfen.

Der Landrat alten Stiles wurde vom Staat in sein Amt gesetzt und bezahlt; der heutige Oberkreisdirektor, der viele der landrätlichen Funktionen geerbt hat, wird vom Kreistag gewählt und vom Kreis bezahlt, doch untersteht er zugleich der Disziplinargewalt seiner Regierung. Er hat es schwer. Auch der frühere Landrat allerdings hatte eine Doppelfunktion: War er auch Staatsbeamter, so mußte er doch von den Kreisvertretern akzeptiert werden. Er war von Staats wegen Landrat und infolgedessen Vertreter des Innenministers auf der "unteren Verwaltungsebene"; er war von Kreis wegen Vorsitzender des gewählten Ausschusses der Bürger. Diese konnten ihn zwar nicht abberufen, aber der Staat konnte ihn versetzen. Er repräsentierte das "Oben" und das "Unten". Als Landrat hatte er es leicht, unbestechlich und gerecht zu sein: er war ja Staatsbeamter; als Kreistagsvorsitzender hatte er es leicht, den höheren Verwaltungsstellen die Stirn zu bieten: er vertrat ja das Volk. Wirklich: Man sollte (wie dies in Schleswig-Holstein längst geschehen ist) die beiden Ämter, das des verwaltungstüchtigen Oberkreisdirektors und das des Landrates, wieder verschmelzen. Ja wollen denn das die Niedersachsen nicht? Eben nicht!

Da ist im Bundesgebiet eine rechtes Durcheinander: Die Bayern hatten ein amerikanisches Rezept; sie haben es inzwischen so modelliert, daß dort ein Landrat als Hauptverwaltungsbeamter das Prinzip der Selbstverwaltung wahrt, an seiner Seite ein Regierungsrat, der die verwaltungstechnischen Geschäfte steuert. Die Badener aber – zum Gegenexempel – haben ihren Landrat behalten, doch nicht, weil er Ähnlichkeit mit den preußischen Beamten gleichen Titels, sondern mit den französischen Beamten gleicher Stellung hat. Nordrhein-Westfalen wiederum hat’s geschickt gemacht: Dort hat "Der Oberkreisdirektor" die Position einer staatlichen Verwaltungsbehörde in derselben Funktion wie "Der Landkreis" in Niedersachsen. Kurzum: Je weiter wir uns von der Zeit der Besetzung entfernen, desto mehr sind stille Reformen in Richtung auf das alte Landratsamt im Gange. Niedersachsen freilich geht den umgekehrten Weg.

An dieser Stelle mag nun mancher, der nicht nur ein Herz für Demokratie, sondern auch das Herz eines Demokraten hat, jubilieren: Bravo, die Selbstverwaltung marschiert im Lande Hannover! Und sogleich pflegt auch das Beispiel Hamburgs zitiert zu werden, wo das Prinzip der Selbstverwaltung offenbar herrscht, solange dieser Stadt-Staat existiert. Hier erhebt sich jedoch das große "Aber...". Erstens ist eine Großstadt ein anderer Organismus als ein Kreis; zweitens wäre das Land Hamburg überhaupt nicht mit einem niedersächsischen Kreis, sondern höchstens mit ganz Niedersachsen zu vergleichen. Was in Hamburg segensreich ist, kann im Kreise Harburg-Winsen verderblich sein.