Als Ernst Rowohlts Lebensabend näher rückte, bedrängten ihn seine Freunde mehr und mehr, daß er die Geschichten seines bewegten Lebens, von denen er die eine oder die andere an den literarischen Stammtischen so oft und dramatisch zum besten gegeben, zusammenfassen und damit einem größeren Kreise zugängig machen möge. Wie man den Rowohltschen Erzählton in ganzer Echtheit zu Papier brächte, ist die Frage, die in ausgedehnten Abendstunden zwei Freunde miteinander zu lösen versuchen: Rowohlt und sein Freund Josef Müller-Marein. Das Buch, das auf diese Weise entsteht, den Titel "Mein liebes, dummes, gefährliches Leben" trägt und dessen erstes Kapitel unten zu lesen steht, ist noch lange nicht fertig. Ein Grund mehr, dem Jubilar, der als Verleger die deutsche Literatur stark beeinflußte, jetzt, da er auch noch als sein eigener Autor hervortritt, ein langes Leben zu wünschen.

Der Vater meines Vaters war, wie man in Bremen sagt, in Holzpantinen in die Stadt gekommen, das heißt: er stammte vom Lande. Sein Vater, also mein Urgroßvater, war Brinksitzer gewesen; das ist – so weiß das Lexikon – der Mann der kleinsten Höfe, die es gibt. Wer nach Friesland kommt, sieht dort im flachen grünen Lande nahe der See einsame Bauernhöfe auf einer Anhöhe, einem Brink.

Auf solchem Brink saß mein Urgroßvater Rowohlt.

Die Brinksitzer waren Schäfer, die auch fremde Schafe auf ihren Weiden hatten. Und es war, glaube ich, mein Vater, der mir erzählte, auf welche Weise, die friesischen Brinksitzer die Böcke kurz nach der Geburt kastrierten. Sie machten das mit einem kleinen Federmesser. Und ich sehe die Rowohlts vor mir, wie sie mit langen Beinen im Frühling vom Brink herab ins wollige Gewog ihrer Schafe niederstiegen: rötlich blonde Gestalten, mit einem Wuchs nicht unter einsachtzig, ebenso wie mein Großvater, mein Vater und ich, und sie faßten ein Bocklamm nach dem anderen bei den Hinterschenkeln. Ein Schnitt, und sie setzten den Mund an. So nahmen sie dem Böckchen das bißchen Männlichkeit und spuckten rechts und spuckten links. Aber ab und zu natürlich mißlang ihnen das. Ich habe immer mein Übermaß an Vitalität dadurch erklärt, daß meine friesischen Vorfahren sich oft verschluckt haben.

Mein Großvater Rowohlt also kam in die Stadt und wechselte die Pantinen vor der Tür der "Weserzeitung" gegen städtisches Schuhwerk. Er begann als Hausdiener, wurde Packer, und arbeitete sich nach und nach zum Berichterstatter empor: zum Lokalreporter, wie die Zeitungsleute heute sagen. Er endete auf eine schaurige Weise: Fern vom Brink, der ihn und die Schafe gegen Wasser schützte, ist er im Wasser umgekommen.

Er hatte Silvester gefeiert, offenbar mit Kollegen von der Zeitung, und wohl dabei nicht wenig getrunken. Auf dem Nachhauseweg war er allein. Er mußte an dem Stadtgraben vorbei, der sich um ganz Bremen herumzieht und in alten Zeiten als Befestigung gedient hat. Dieser Graben ist so flach, daß man wohl sechs bis zehn Meter waten muß, ehe einem das Wasser bis zum Nabel reicht.

An diesem Silvesterabend hatte es gefroren. Eine dünne Eisschicht lag auf dem Wasser, als mein Großvater ein Treppchen zum Stadtgraben hinunterstieg, um dort seine Notdurft zu verrichten, ein Umstand, der für seine Wohlerzogenheit spricht, denn ein anderer hätte die sichere Straße wegen einer solchen Alltäglichkeit nicht verlassen, und obendrein noch nachts! Als er aber drunten am Graben stand, kippte er nach vorn und schlug mit dem Gesicht aufs Eis. Das Eis brach, und der Großvater lag im Schlick, mit dem Gesicht nach unten. Am nächsten Morgen fand man ihn tot am Ufer des Stadtgrabens zu Bremen.