Lenins deutsche Millionen

Wir veröffentlichen hier zum erstenmal den vollständigen Originaltext eines Memorandums, das der deutsche Reichsaußenminister Richard von Kühlmann im Dezember 1917 für Kaiser Wilhelm II. verfaßt hat. Es befand sich bei den Akten des Auswärtigen Amtes, die die Engländer im Jahre 1945 in einem Salzbergwerk auffanden.

Das Kühlmann – Memorandum beweist zum ersten Male die seit langem umstrittene These der finanziellen Unterstützung Lenins durch die deutsche Regierung. Zum ersten Male hatte das Propagandabüro des Präsidenten Wilson, das unter der Leitung George Creels stand, diese These lanciert. Creels Committee on Public Information hatte Edgar Sisson als Vertreter nach Petrograd entsandt; er sollte das Komitee bei der Kerensky-Regierung vertreten. Als Creel selbst Petrograd erreichte, war Kerensky bereits gestürzt und die bolschewistische Regierung ans Ruder gelangt. Antibolschewisten verkauften Creel damals eine Reihe echter und auch gefälschter Dokumente, aus denen klar hervorging, daß Lenin und seine Genossen große Beträge – eines der Dokumente spricht von fünfzig Millionen Goldrubel – von der deutschen Regierung erhalten hatten. Es blieb freilich ungeklärt, ob Lenin sich über den wahren Ursprung des Geldes im klaren war oder ob er und seine Leute glaubten, daß das Geld (was bei der Höhe der Beträge unwahrscheinlich war) von deutschen sympathisierenden linken Sozialdemokraten stammte, die bei der Übermittlung der Beträge eine Rolle spielten. Manches spricht dafür, daß Lenin und seine Genossen die wahre Quelle der deutschen Subventionen wohl kannten, daß sie aber aus leicht verständlichen Gründen den Schein aufrechterhielten, als glaubten sie an den sozialdemokratischen Ursprung dieser Unterstützung. – Im Jahre 1921 veröffentlichte der deutsche unabhängige Sozialdemokrat Eduard Bernstein eine Reihe von Artikeln im Berliner "Vorwärts", in denen er die These von der deutschen Finanzierung der Bolschewisten von neuem aufstellte. Auch Bernstein sprach von Millionenbeträgen (allerdings nannte er die Summe von fünfzig Millionen Goldmark). Als Bernstein später, im Jahre 1923, die Quelle seiner Informationen enthüllen wollte, wurde ihm dies vom Parteivorstand der Deutschen Sozialdemokratischen Partei verboten. Die Partei fürchtete, die Veröffentlichung der Quelle der Bernsteinschen Informationen könnte der Weimarer Republik schaden, besonders in Anbetracht der Tatsache, daß das deutsche Ruhrgebiet damals von den Franzosen besetzt war. Bernsteins Informationsquelle war – wie hier zum ersten Male öffentlich mitgeteilt sei – niemand anderer als der Graf Brockdorff-Rantzau, Außenminister der Weimarer Republik, Chef der deutschen Delegation in Versailles und später deutscher Botschafter in Moskau.

Seit jenen Tagen nun ist die Debatte über die deutsche Unterstützung der Bolschewisten nicht mehr abgerissen. Aber erst das Kühlmann-Memorandum von 3. Dezember 1917 – eine offizielle deutsche diplomatische Urkunde und daher Geschichtsquelle ersten Ranges – beweist die Richtigkeit der Creel-Bernsteinschen These in gültiger Form. Erst dieses Dokument schafft endgültige Klarheit darüber, daß die kaiserliche Regierung und der deutsche Generalstab nicht nur Lenin und Genossen in dem berühmten "versiegelten" Waggon (der in Wirklichkeit gar nicht versiegelt war) von der Schweiz nach Saßnitz gebracht hatten, sondern daß der Erfolg der bolschewistischen Revolution zum nicht geringen Teil eine direkte Folge deutscher finanzieller Zuwendungen war.

Zum besseren Verständnis des Kühlmann-Dokuments sei noch folgendes bemerkt: Die in der photographischen Wiedergabe der ersten Seite des Dokuments deutlich sichtbare Überschrift "Tel. Hughes i. Z. Auf Tel. No. 1771" stellt die Anweisung Kühlmanns an sein Büro dar, den Inhalt des Dokuments mittels Hughes-Fernschreibers an das Große Hauptquartier, wo sich der Kaiser damals befand, weiterzuleiten.

Unter den von den Engländern in Deutschland gefundenen Dokumenten des Auswärtigen Amtes befindet sich auch die an Kühlmann adressierte Antwort des Kaisers. Diese Antwort, die in Form eines Telegramms an Kühlmann vorliegt, trägt die Unterschrift Grünau. Grünau war offenbar ein Verbindungsmann des Auswärtigen Amtes im Großen Hauptquartier. In dieser Antwort vom 4. Dezember 1917 heißt es: "Seine Majestät, der Kaiser, hat sein Einverständnis mit Eurer Exzellenz’ Darlegungen bezüglich eines möglichen Rapprochements mit Rußland zum Ausdruck gebracht."

Der vollständige Text des Kühlmann-Memorandums lautet:

Berlin, den 3. Dezember 1917

Lenins deutsche Millionen

zu AS 4486.

Tel. Hughes i. Z.

Auf Tel. No 1771.

Die Sprengung der Entente und in der Folge die Bildung uns genehmer politischer Combinationen ist das wichtigste diplomatische Kriegsziel. Als schwächstes Glied in der feindlichen Kette erschien der russische Ring; es galt daher, ihn allmählich zu lockern und wenn möglich herauszulösen. Diesem Zweck diente die destruktive Arbeit, die wir hinter der Front in Rußland vornehmen ließen, in erster Linie die Förderung der separatistischen Tendenzen und die Unterstützung der Bolschewiki. Erst die Mittel, die den Bolschewiki auf verschiedenen Kanälen und unter wechselnder Etiquette von unserer Seite dauernd zuflössen, haben es ihnen ermöglicht, die "Prawda", ihr Hauptorgan, auszugestalten, eine energische Aktion zu betreiben und die anfangs schmale Basis ihrer Partei stark zu verbreitern.

Die Bolschewiki sind nun zu Herrschaft gelangt; wie lange sie sich an der Macht werden halten können, ist noch nicht zu übersehen. Sie brauchen zur Befestigung ihrer eigenen Stellung den Frieden; auf der anderen Seite haben wir alles Interesse daran, ihre vielleicht nur kurze Regierungszeit auszunutzen, um zunächst zu einem Waffenstillstand, und dann wenn möglich auch zum Frieden zu gelangen. Der Abschluß eines Separatfriedens würde die Verwirklichung des erstrebten Kriegszieles, den Bruch Rußlands mit seinen Verbündeten, bedeuten.

Die Stärke der aus diesem Bruch notwendigerweise sich ergebenden Spannung wird die Intensität des Anlehnungsbedürfnisses Rußlands an Deutschland und seine künftigen Beziehungen zu uns bestimmen. Von seinen bisherigen Alliierten in Acht und Bann getan, finanziell im Stich gelassen, wird Rußland bei uns Unterstützung suchen müssen.

Wir werden Rußland unsere Hülfe nach verschiedenen Richtungen hin zu teil werden lassen können; zunächst wohl bei der Ordnung und Wiederherstellung der Eisenbahnbetriebe (ich denke hierbei an eine deutsch-russische, von uns geleitete Kommission, welche im Interesse einer beschleunigten Wiederaufnahme des Warenverkehrs eine zweckmäßige Ausnutzung der Bahnen nach einheitlichen Grundsätzen durchzuführen hätte); sodann durch Gewährung einer größeren Anleihe, deren Rußland für die Inganghaltung der Staatsmaschinerie bedarf. Diese könnte in der Form von Vorschüssen auf Getreide, Rohstoffe u. s. w. gewährt werden, die Rußland liefern und deren Abtransport jene Kommission überwachen müßte. – Auf einer derartigen, je nach Bedarf noch auszugestaltenden Hülfsbasis würde sich meines Erachtens mit der Zeit eine steigende Annäherung zwischen beiden Ländern vollziehen.

Lenins deutsche Millionen

Österreich-Ungarn wird den Annäherungsprozeß mit Mißtrauen und nicht ohne Beklemmungen verfolgen. Ich möchte den Übereifer des Grafen Czerrin, mit den Russen ins Reine zu kommen, als den Wunsch deuten, uns zuvorzukommen und eine für die Donaumonarchie unbequeme Gestaltung intimer Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu hintertreiben. Wir brauchen uns an diesem Lauf um die Gunst Rußlands nicht zu beteiligen. Wir sind stark genug, um in Ruhe warten zu können; wir sind weit eher als Österreich-Ungarn in der Lage, Rußland das zu bieten, was es zum Wiederaufbau seines Staates gebraucht. Ich sehe der weiteren Entwicklung der Dinge im Osten mit Zuversicht entgegen, halte es aber für zweckmäßig, der österreichisch-ungarischen Regierung gegenüber bis auf weiteres in allen Angelegenheiten, welche beide Monarchien berühren, so auch in der polnischen Frage, eine gewisse Reserve zu beobachten, um für alle Eventualitäten freie Hand zu bewahren.

Die im vorstehenden entwickelten Gedanken bewegen sich, wie ich annehmen darf, im Rahmen der mir von S. M. (Seiner Majestät, Die Red.) erteilten Direktiven. Bitte S. M. entsprechenden Vortrag zu halten und mir die Allerhöchsten Befehle zu telegraphieren. St. S.

(Gezeichnet) K