Von Kurt Hahn

Erziehen ist heute Schützen und Heilen. Es ist unsere Aufgabe, unseren Kindern schützende Gewohnheiten ins Leben mitzugeben, um sie widerstandsfähiger gegenüber den sozialen Seuchen zu machen. Die Landerziehungsheime müssen mit dem Beispiel vorangehen, ja, mehr als das: sie sollten die Verpflichtung auf sich nehmen, erprobte Heilmittel auch der öffentlichen Schule zugänglich zu machen.

Das Weideland der heutigen Jugend ist ungesund. Wir haben

den Verfall der körperlichen Tauglichkeit: durch die fehlenden Antriebe zur erholsamen Bewegung;

den Verfall der Sorgsamkeit und Vertiefung: durch den Niedergang der geruhsam arbeitenden Berufe;

den Verfall der persönlichen Initiative: durch die Zuschauerkrankheit;

den Verfall der Selbstzucht: gefördert durch das lösende Angebot von Reiz- und Beruhigungsmitteln;

den Verfall des Erbarmens: als Folge der grausamen Pausenlosigkeit des modernen Lebens, die zuweilen sogar den Kummer um den Tod geliebter Menschen verschlingt.

Das erste Ziel des Landerziehungsheimes Salem, das im April 1920 in Bewunderung der Leistung führender englischer Internate (Eton, Harrow, Rugby, Winchester, Marlborough) von Prinz Max von Baden auf seinem Wohnsitz Schloß Salem gegründet wurde, war es, die Heilung der zerstörten deutschen Gesinnung zu fördern, das fernere Ziel, auch zur Solidarität Europas beizutragen. Salem sollte von Anfang an keine große Familie, sondern ein kleiner Staat werden.

In dem Salem von heute wird jedem Kind ein eigener Bezirk eingeräumt, darin es seine besonderen Kräfte entdecken und entwickeln kann, aber keinem wird erlaubt, der gemeinsamen Sache fremd zu bleiben. Salem weist schon den neueintretenden Mädchen und Jungen Pflichten zu, deren sorgsame Erfüllung von einleuchtender Nützlichkeit ist. Und diese Pflichten steigern sich von Jahr zu Jahr in ihrer Bedeutung, bis schließlich Verantwortungen daraus werden, von deren Durchführung das Wohl und Wehe des kleinen Staates abhängt.

Gewarnt durch Deutschlands tragische Geschichte, legt Salem Gewicht darauf, in den geistig begabten Kindern die Überwinderkraft zu nähren. Damit rechtfertigen wir den Salemer Brauch, den Neigungen der Kinder zwar einen großen, aber keinen ungebührlichen Platz in ihrem Lebensplan einzuräumen. Wohl glauben wir, daß jedes Kind einer grande passion, einer schöpferischen Leidenschaft fähig ist, die zu entdecken und zu befriedigen unsere vornehmste Pflicht ist, womöglich noch an der Schwelle der Pubertät, damit die Entwicklungsjahre gewissermaßen von einem Schutzengel begleitet werden, der die jugendliche Seele vor der Alleinherrschaft des Geschlechtstriebes bewahrt. Aber genauso ist es auch unsere Sache, die werdenden Menschen darin zu üben, ihrer Schwäche Herr zu werden dadurch, daß wir sie in bestimmte wohltätige Erfahrungen hineinführen ohne Rücksicht auf ihre Zustimmung.

Unsere Losung heißt: Es ist Vergewaltigung, Kinder in Meinungen hineinzuzwingen, aber es ist Verwahrlosung, ihnen nicht zu Erlebnissen zu verhelfen, durch die sie ihrer verborgenen Kräfte gewahr werden können. Das ist um so nötiger, je weniger die moderne Umwelt die heranwachsende Jugend zu heilsamen Betätigungen ermutigt.

Ich setze nun die Salemer Regel her: Sie stellt nur einen Versuch dar, unsere Kinder davor zu bewahren, Opfer einer kranken Gesittung zu werden. Ich schildere zuerst unsere Praxis in der Erziehung des Körpers.

Wir haben viermal in der Woche eine leichtathletische Pause. Jedes Kind wird im Werfen, Springen und Rennen geübt, ob ihm das gefällt oder nicht. Fast jedes Kind hat für die eine oder andere dieser Disziplinen eine besondere Eignung, aber in den meisten Fällen auch eine angeborene Unbegabtheit; die natürliche Neigung geht nun – um Plato zu zitieren – dahin, das „Gute und Süße“ zu pflegen und das „Gute und Lästige“ zu meiden. Wir fordern die mühselige Überwindung der Schwächen, genau wie wir die beglückende Entwicklung der angeborenen Stärke ermutigen.

Mit dem gleichen Ziel suchen wir jedem Kind eine handwerkliche Ausbildung zu verschaffen. Vielen wird dadurch ein inneres Bedürfnis befriedigt, andere aber gehen widerstrebend daran, ihrer Unbeholfenheit Herr zu werden. Aber wenn ihnen das gelingt, ist die Befriedigung um so größer. Besondere Genugtuung gewährt die Bewältigung von Bauaufgaben, deren Ergebnisse einen bleibenden Wert haben.

Schaffen wir Gelegenheiten, um Expeditionen durchzuführen. Sie gehören nicht zu den allgemein begehrten Unternehmungen. Manch einer würde viel lieber zu Hause bleiben. Man kam als Zuschauer teilnehmen – durch Fernsehen und Kino – an den erstaunlichen Leistungen der Menschenkraft; man durchlebt die Spannung der Gefahr; man kostet die Erregung des Gelingens, ja, begleitet sie mit den Ausdrucksbewegungen des eigenen Körpers, als sei man selbst ein Teil der Handlung. Die Sensation aber ist unverdient, trügerisch und flüchtig.

Ich komme nun zu einem vierten Element der Heilung, an das wir glauben: das Projekt – ursprünglich angeregt durch die Lietzschen Jahresarbeiten –, dazu bestimmt, dem Kinde zur Selbstentdeckung zu verhelfen. Auch hier können wir uns nicht nur auf die Freiwilligkeit stützen: So mannigfach die „angebotenen“ Aufgaben auch sein mögen – Aufgaben des Forschens, des musischen und handwerklichen Schaffens –, es wird gerade auch begabte Kinder geben, die vor jeder langfristigen Anspannung ihrer Kräfte zurückschrecken. Aufgaben anbieten ist vielfach nicht genug. Man darf im Notfall nicht zögern, sie zu stellen, und kann dann nicht selten erleben, daß nach einem mißmutigen Beginnen unterwegs die Freude an der Arbeit sich regt, bis schließlich der ursprüngliche Auftrag zu einem begehrten Leistungsziel wird.

Mit Begeisterung durchgeführte Projekte dürfen nicht zu voreiligen Schlußfolgerungen verführen, als ob bereits eine bestimmte Berufsneigung sich geoffenbart hätte.

Übungen der Selbstzucht

Ein Junge, der eine viel beachtete biologische Arbeit durchführte, ging in die Industrie; ein anderer, heute Dekan einer berühmten medizinischen Fakultät, wählte als sein Projekt eine Übersetzung aus dem „Gefesselten Prometheus“; ein dritter, soeben mit einem Preis für Krebsforschung ausgezeichnet, war auf der Schule ein begeisterter Schreiner. Aber jeder von ihnen würde wohl bezeugen, daß die Kräfte, die bei der Bewältigung ihrer Aufgabe geübt und entwickelt wurden: Geduld, Zähigkeit, Sorgfalt, Voraussicht, auch ihrer Lebensarbeit zugute gekommen sind.

Bei diesen Projekten handelt es sich nicht um Beiträge zur Wissenschaft. Worauf es ankommt, ist die Leidenschaft des Schaffens und die Mühsal und Sorgfalt auf dem Wege zum Ziel. Mir kommt ein Wort von Max Weber in den Sinn: Geistiges Arbeiten ist ein Bohren mit Leidenschaft durch dicke Bretter.

Ich berichte nun von der fünften Heilwirkung, die wir anstreben. Das ist die Übung in der Selbstzucht. Wir verlangen, daß unsere Kinder sich zum mindesten während des Trimesters des Nikotins und des Alkohols enthalten. Es gilt, im jugendlichen Alter einen Präzedenzfall sinngemäßer Entsagung zu schaffen, gerade heute, da die Abhängigkeit von Schlaf-, Beruhigungs- und Reizmitteln ein gerüttelt Maß von Schuld an der verfrühten Abnutzung wertvoller Menschen trägt.

Das wichtigste Element der Heilung sehen wir in dem Rettungsdienst. Es blieb unserer Tochterschule Gordonstoun (in Schottland) vorbehalten, diese Einrichtung zu schaffen, aber wir fühlten uns dabei als Vollstrecker des Auftrags, den wir bei der Gründung Salems empfangen haben. Seit dem Jahre 1935 sind Gordonstouner Jungen als Freiwillige in die Küstenwache der englischen Inseln eingeordnet. Sie betreuen verantwortlich eine Strecke dieser gefährlichen Felsenküste Nordost-Schottlands. Kostspieliges Gerät, ein Raketenapparat ist ihnen anvertraut; die Wachen selbst stellen die Geduld der Jungen auf eine harte Probe. Ich werde nie vergessen, wie sie stundenlang in die stürmische Nacht hinausspähen, ob nicht vielleicht „ein Schiff in Not ein kümmerliches Lichtsignal abbrennt“.

Die Jungen werden nicht von ihren Lehrern auf Wache geschickt. Die nationale Behörde fordert sie telephonisch an. Sie haben das Gefühl: „Wir werden gebraucht, als ob wir Männer wären.“ Mehrfach sind ihre wachsame Bereitschaft, die Schnelligkeit, mit der sie zur Stelle sind, ihre Beherrschung der komplizierten Rettungstechnik lobend erwähnt worden.

Seit ein paar Jahren haben wir auch einen Bergrettungsdienst, dem trainierte Suchhunde zur Verfügung stehen, und der schon mehrfach von der Polizei zu Hilfe gerufen wurde, um verunglückte oder verirrte Menschen zu finden.

Ich habe diese Einrichtungen so ausführlich geschildert, weil ich durch ihre Erprobung bestimmte Einsichten über die menschlichen Bedürfnisse der heranwachsenden Jugend gewonnen habe, die, wie ich glaube, Allgemeingültigkeit verdienen.

1. Die Leidenschaft des Rettens entbindet die stärkste Dynamik der menschlichen Seele; nicht der Krieg, wie behauptet worden ist.

2. Der Dienst in der Not des Nächsten befriedigt den natürlichen Drang der Jungen nach männlicher Bewährung und veredelt ihn zugleich. Der junge Mensch, der Gefahren, Mühsal, Langeweile freudig auf sich nimmt, alles nur, um bereit zu sein, dem fremden Menschenbruder in Feuers-, Berg- oder Seenot beizustehen, der entdeckt die gottgewollte Bestimmung des Menschen. Und wenn er der Irrlehre begegnet, die das Menschenleben und die Menschenwürde verachtet, dann entbrennt er im heiligen Zorn.

3. Der werdende Mensch hat eine Lebhaftigkeit der Sinne und eine Wachsamkeit des Gemüts, dank deren er nicht selten dem Erwachsenen im Rettungsdienst überlegen ist.

4. Es ist gefährlich, dem Tatendrang der heranwachsenden Jugend keinen legitimen Spielraum zu geben. Bei vielen welkt er dahin. Die Verkümmerung bringt in ihrem Gefolge oft Reizbarkeit und Mißmut – weitverbreitete Pubertätsgebrechen, denen wir Erzieher ratlos gegenüberstehen. Aber in allen Ländern nimmt die Zahl jener Halbwüchsigen erschreckend zu, deren Sehnsucht nach Erprobung ihrer Menschenkraft ungeduldig zur Erfüllung drängt, und dabei die Bande der Zucht und Gesittung sprengt. Ihnen kann geholfen werden durch den opferbereiten Samariterdienst, der wie nichts anderes den ganzen Menschen anfordert.

Das Landerziehungsheim Salem hat heute seine freiwillige Feuerwehr. Alle Kinder werden in erster Hilfe geschult. Darüber hinaus hat die Mutterschule ganz im Sinne des Gründers einen neuen Weg gezeigt, wie man den Rettungswillen der Kinder fruchtbar machen kann. In den Sommerferien 1954 fuhr der Leiter von Salem, Prinz Georg Wilhelm von Hannover, mit hundert Schülern aus sechs verschiedenen Ländern nach dem Erdbebengebiet von Griechenland. Dort wurde in harter Arbeit ein Altersheim in drei Wochen gebaut und dadurch große Not gelindert;

Das sind die wesentlichsten Elemente der „Salemer Regel“.

Es erhebt sich nun die Frage: Wie ist ihre Durchführung vereinbar mit den Anforderungen des Unterrichts? Diese Frage ist um so berechtigter, als wir auch noch ein gebührend Maß von freier Zeit fordern, in der unsere Kinder ihre eigenen Herren sind: um nichts zu tun oder die schöpferische Einsamkeit aufzusuchen oder zu lesen oder sich nach Laune zu betätigen.

Denken lernen!

Die Antwort auf die gestellte Frage lautet: Der Unterricht brauchte nicht zu leiden. Im Gegenteil. Wohl müßten die Lehrstunden an Zahl geringer werden, aber um so lebhafter sollte es in ihnen zugehen. Eines aber ist sicher: Dank der heilsamen Betätigung können wir auch in den Entwicklungsjahren die Empfänglichkeit und Frische der Kindheit bewahren. Dies ist ein großer Gewinn; er wiegt den Verlust an Lehrstunden mehr als auf.

Unsere Stundenplanfabrikanten gründen ihre Forderung nach der sogenannten Mindestzahl der Wochenstunden auf die allgemein geltende Doktrin, daß Kinder in der Pubertät die spontane Frische von Aufmerksamkeit und Erinnerung verlieren. Ich betrachte es als meine Lebensaufgabe, dieses Dogma als Irrlehre zu entlarven. Man kann die Kinderkraft erhalten, ungebrochen und unverdünnt: Unter der einen Bedingung, daß man an der Schwelle der Pubertät giftlose Leidenschaften nährt, wie die Lust am Bauen, die Seligkeit des musischen Schaffens, die Freude an der Kunstfertigkeit, die forschende Neugierde und wie all die Schätze der Kindheit heißen. Die in ihrer Empfänglichkeit nicht stumpf gewordenen Kinder können in kürzerer Zeit mehr lernen, als ihre Zeitgenossen, die schutzlos den Gefahren der Pubertät ausgeliefert sind.

Der Unterricht braucht nicht zu leiden, aber ich hätte hinzufügen sollen: Bis vor kurzem litt die Salemer Regel. Die Verringerung der Wochenstunden war nicht eingetreten, und die heilsamen Betätigungen wurden zu oft in die unbeleuchteten Ecken des Tagesablaufes abgedrängt. Expeditionen, Rettungsdienst, Projekt erobern sich erst jetzt wieder den Ehrenplatz im Leben unserer Kinder. Der Leiter hatte jahrelang den heroischen Ausweg gefunden, einen Teil der Ferien für begeisternde Unternehmungen aller Art zu anektieren. Das war notwendig, solange der Unterricht ungebührliche Zeit und Kraft der Kinder beanspruchte.

Ich rede keineswegs einer Herabsetzung der geistigen Anforderung das Wort – im Gegenteil, weniger wäre mehr. Die Landerziehungsheime wissen sich mit den Erziehern an den Universitäten einig in der Diagnose und im Heilmittel, der Diagnose: Lerneifer und Denkunlust vertragen sich leider gut miteinander; dem Heilmittel: Verlangt mehr an Denkschulung und weniger an Wissensstoff. Auf die Vertiefung kommt es an. Die mit Stoff überlasteten Lehrpläne waren Wegbereiter der Verflachung.

Die Periode der Resignation liegt hinter uns – sie war unvermeidlich angesichts der übermächtigen Starrheit der behördlichen Verordnungen. Die Starrheit löst sich. Durch die Presse ging jüngst die Mitteilung eines Kultusministeriums, die nicht viel beachtet wurde, aber Aufsehen zu erregen verdiente. Darin hieß es: Der Reformplan, wie er ursprünglich vorbereitet sei, wäre an dem Widerstand von Lehrern und Eltern – nun, der Ausdruck „gescheitert“ wurde nicht gebraucht, aber dem – Sinn nach konnten die Worte nicht anders gedeutet werden. Ich wurde an die Bemerkung eines englischen Professors erinnert: In einer Demokratie dauert es dreißig Jahre, bis eine Wahrheit zu einer Wirklichkeit wird.

An den Landerziehungsheimen ist es, dieses deprimierende Entwicklungstempo zu beschleunigen, und zwar durch Beispiele, die überzeugen. Der Hilferuf der betreffenden Ministerien ist zwar nicht an unsere Adresse gerichtet, aber ihn nicht zu hören wäre die Veruntreuung einer geschichtlichen Verantwortung. Der Bahnbrecher Hermann Lietz hat sie allen denen ans Herz gelegt, die sich ihm verbunden fühlen.

Die Reform im Unterrichtssektor – das ist das Gebot der Stunde gerade auch im Interesse der Erlebnistherapie. Ich setze die wesentlichen Elemente einer solchen Reform her, wie sie bereits angebahnt ist in Landerziehungsheimen.

1. An die erste Stelle setze ich die Einführung der 28-Stunden-Woche – die 28 Stunden schließen Arbeitsgemeinschaft, Musik, Zeichnen und vier leichtathletische Trainingspausen ein. Die durch die Verringerung der Unterrichtsstunden gewonnene Freizeit sollte vor allem von den Lehrern begrüßt werden, denen es gelingt, durch ihren Unterricht Interessen zu entzünden, und die sich so oft darüber beklagt haben, wie oft das entzündete Interesse spurlos wieder verlöscht, weil es an dem nötigen Spielraum zu ihrer Betätigung fehlt.

2. Eine Anzahl unserer Lehrer sollten sowohl die Lenkung von Arbeitsstunden als auch die Betreuung der Projekte ebenso ernst nehmen wie ihren Unterricht. Diese Belastung läßt sich nur rechtfertigen, wenn das Unterrichtsdeputat der betreffenden Lehrer wesentlich verringert würde.

3. Wir brauchen für unsere Projekte Fachzimmer, deren Ausstattung zum Forschen ermutigt. Unseren Labors sollten Übungsräume angegliedert werden, die für eigene Experimente der Schüler eingerichtet sind.

4. Wir sollten eine begrenzte Anzahl von Forschern unter unseren Lehrern haben: Wenn ihr pädagogisches Interesse so stark ist wie die Hingabe an ihre Wissenschaft, um so besser; aber auf die Hingabe kommt es in erster Linie an. Gerade weil wir Raum fordern für die Befriedigung des Tatendranges, ist es nötig – zur Erhaltung des Gleichgewichtes – unsere Kinder mit Männern und Frauen in Berührung zu bringen, von denen eine ansteckende geistige Energie ausströmt. Ein Wochenvormittag sollte unterrichtsfrei sein und den Projekten gewidmet werden/Die Arbeiten der Oberprimen sollten als Jahresleistungen im Abitur vorgelegt und für das Endergebnis gewertet werden.

5. Schließlich sollten an sorgsam auszuwählenden freien Schulen Seminare angegliedert werden, um junge Lehrer des öffentlichen Schuldienstes für ihre Tätigkeit an solchen Tagesschulen vorzubereiten, die bereit sind, den ganzen Tag die ihnen anvertrauten Kinder unter ihre Verantwortung zu stellen.

Verdienen unabhängige Schulen dieses Privileg, das ihnen schon im Jahre 1925 der Kultusminister Becker zugewiesen hat? Die Geschichte der Landerziehungsheime in den ersten fünfzig Jahren des Jahrhunderts gibt keine überzeugende Antwort auf diese Frage. Die Landerziehungsheime haben von jeher Außerordentliches für den einzelnen geleistet, aber zwischen den beiden Weltkriegen nicht genug für die Nation.

Auf die Auswahl kommt es an!

Heute bejahe ich ohne Zögern die Frage nach unserer Würdigkeit und unserer Verpflichtung, uns zu pädagogischen Werkstätten zu entwickeln, allerdings nur unter zwei Voraussetzungen: der ersten, daß wir unsere Unabhängigkeit vom Staate bewahren; der zweiten, daß wir unsere wirtschaftliche Basis festigen und in gewisser Hinsicht ändern.

Heute stammen unsere Einkünfte im wesentlichen von wohlhabenden Eltern. Viele Eltern schicken ihre Kinder zu uns, ohne mit unseren Zielen übereinzustimmen oder sie auch nur ernst zu nehmen. Wir haben andererseits Kinder in nicht geringer Zahl, die hierhergekommen sind auf Grund einer Gesittung, die ihr Elternhaus oft schwersten Anfechtungen zum Trotz bewahrt hat und mit Salems Hilfe in ihren Söhnen und Töchtern noch weiter zu festigen hofft. Aber das Zahlenverhältnis ist nicht gesund. Der Leitung gelingt es immer wieder, im Kräftespiel der Gesinnungen die gute Tradition zu behaupten, aber der Kampf muß nach jeden Ferien aufs neue durchgefochten werden.

Wir brauchen daher eine größere Freiheit in der Auswahl unserer Schüler. Mit wir meine ich nicht nur Salem, sondern auch die anderenLanderziehungsheime. Wir sollten für mindestens 30 v. H. die Möglichkeit haben, unsere Kinder aufzunehmen, unabhängig von der finanziellen Leistungsfähigkeit der Eltern, nur auf Grund der hoffnungsvollen Eignung ihres Charakters und ihrer Intelligenz.

Was uns not tut, wäre eine Studienstiftung des deutschen Volkes zugunsten der heranwachsendem Jugend. Jungen und Mädchen richtig auszuwählen, um ihnen den Weg in ein Landerziehungsheim zu öffnen, ist nicht minder wichtig, als geeignete junge Männer und Frauen zu finden, denen man zu einem Universitätsstudium verhelfen will.

Wir Landerziehungsheime sollten ferner unsere Ausstattungen so verbessern können, daß sie auch denjenigen der bestausgerüsteten Staatsschulen ebenbürtig werden. Die Schönheit unserer Standorte darf nicht hinwegtäuschen über die Armseligkeit mancher unserer Einrichtungen.

Sodann brauchen wir eine Erweiterung unserer Lehrkörper, damit die Erzieher die ihnen zugedachten neuen Aufgaben übernehmen können und dabei ihre Frische bewahren.

Dieses Programm mag manchem – vermessen klingen. Zu seiner Durchführung bedarf es gewaltiger Mittel. Woher sollen sie kommen? Ich richte meine Hoffnung auf die Wirtschaft. Die englische Industrie hat sich seit Jahren für die freien Schulen drüben interessiert. Im Jahre 1955 kam eine gewaltige Stiftung zustande nur zugunsten von Schulen, deren Unabhängigkeit gewährleistet ist.

Ich bin überzeugt, angesichts der kranken Gesittung unseres Volkes ist der Augenblick gekommen, da wir an die Wirtschaft die Frage richten dürfen als an den Mitträger der geschichtlichen Verantwortung: Wollt ihr die Erziehung bauen helfen, und zwar sorgfältiger, als es je dem Staate gelungen ist?

Viele Millionen werden heute aufgewandt, um die Schätze der Vergangenheit zu bewahren. Kunstwerke, historische Denkmäler. Das ist recht so. Aber ich darf an ein Wort des Prinzen Max von Baden erinnern: „Es gibt keinen kostbareren Schatz einer Nation, als die menschliche Natur der Volksgenossen.“ Ich komme auf Salem zurück und den Auftrag des Gründers, der gemeinsamen Sache Europas zu dienen. Ich will nicht mehr von der Schule sprechen-, an deren Rand ich heute, befreit von Verantwortung, lebe, sondern von der Bewegung erzählen, die von Salem ausging und der ich diene.

Salem ist die Mutterschule von Gordonstoun mit seinen drei Schulen, und von Anavryta bei Athen. Die in Salem demonstrierte Erlebnistherapie bildet die Grundlage der Outward Bound Bewegung, die 1941 von Gordonstoun im Bunde mit dem großen Schiffsreeder Lawrence Holt ins Leben gerufen würde und die sich heute drüben in vier Kurzschulen, zwei Bergschulen und zwei Seeschulen bewährt, die in West- und Ostafrika Fuß gefaßt hat, die in Malaya seit zwei Jahren für den inneren Frieden wirkt und die an der Ostsee und im Kleinen Walsertal im Dienste des Roten Kreuzes arbeitet. Soeben ist in Australien die erste Outward Bound Schule eröffnet.

Unserer Bewegung ist eine bedeutsame Unterstützung von unerwarteter Seite zuteil geworden. Air Marshal Sir Lawrence Darvall trat Ende 1956 von seinem Posten als Kommandant des NATO Defence College in Paris zurück. Er hatte erlebt, wie das Zusammenwirken an einer gemeinsamen Sache Stabsoffiziere und Diplomaten aus vieler Herren Ländern, meist Männer zwischen vierzig und fünfzig Jahren, von nationalen Vorurteilen heilen kann, ja sie oft nach sechs Monaten heimschickt nicht mit einem geschwächten, wohl aber mit einem veredelten Patriotismus.

Er hatte aber auch die Einsicht gewonnen, daß es nicht ausreicht, die Erhaltung des Friedens nur auf die gemeinsame Furcht zu gründen. Es gilt den Abscheu einzupflanzen vor der Vergewaltigung von Menschen und Völkern im Krieg wie im Frieden.

Wenn Duldsamkeit und menschliches Verstehen, so sagt Darvall, noch neue Wurzeln schlagen kann bei reifen Männern von ganz verschiedenen Nationalitäten, dank gemeinsamer Erlebnisse, wieviel hoffnungsvoller wäre die Aufgabe, werdende Menschen aus aller Welt in ihren empfänglichsten Jahren durch die Kameradschaft eines fordernden Gemeinschaftsleben miteinander zu verbrüdern.

So entstand der Plan, den Darvall jüngst in der Times veröffentlicht hat, Internate ins Leben zu rufen, Atlantic Colleges genannt, offen für Schüler zwischen sechzehn und neunzehn aus aller Herren Ländern. Zunächst denkt man an vier bis sechs solcher Internate, in Deutschland, Frankreich, England, Südeuropa, wenn möglich in der Nähe vom Gebirge, vom Meer und von Seen. Die Jungen würden auf ein Abitur vorbereitet werden, das von allen freien Nationen anerkannt werden würde, und eines Tages auch von den Satelliten.

Etwa 3000 Jungen insgesamt wären in den verschiedenen Colleges versammelt. Sie wären auszuwählen ohne Rücksicht auf soziale Herkunft. Jedes interessierte Land würde eine Gruppe entsenden, begleitet von einem Fachlehrer der jeweiligen nationalen Sprache und Geschichte.

Eine Auslese von 3000, das ist keine große Zahl. Es gibt jedoch nicht nur ansteckende Krankheiten, sondern auch ansteckende Gesundheiten, und die Aristokratie ist das Salz, auf das die Demokratie nicht verzichten kann, wie der Norweger Steffen sagt.

Darvall möchte die Resonanz für die heimkehrenden 3000 vorbereiten, und zu diesem Zweck arbeitet er mit Bundesgenossen aus England, Frankreich, Deutschland, Griechenland und Amerika daran, ein Leistungsabzeichen herauszubringen und demnächst der abeitenden und lernenden Jugend überall in der freien Welt anzubieten.

Das neue Abzeichen wird Leistungen auf den Gebieten der Leichtathletik, des Projekts, der Expedition und des Rettungsdienstes verlangen – man hofft, daß es den Namen Fridtjof Nansens tragen darf, des großen Patrioten, des kühnen Polarforschers, des hingegebenen Gelehrten, der seine geliebten Interessen auf der Höhe seiner Lebensbahn opferte, um – wie es in den Moabiter Sonetten heißt – nur eines zu tun: „zu retten und zu helfen und zu lindern.“

Darvall ist überzeugt davon, daß es gelingen kann, den Siegeszug einer menschlichen Gesinnung in Bewegung zu setzen, der schließlich auch durch den Eisernen Vorhang dringt.