Osttirol – das kleine Land um Isel und Drau, ist seit dem Verlust des Etschlandes für Österreich ein Stiefkind Tirols geworden, und nur dem ererbten Stolz seiner Bewohner war es zu danken, daß es sich wirtschaftlich nicht an das geographisch viel günstiger gelegene Kärnten anschloß. Die Korridorverbindung über den Brenner nach der Landeshauptstadt Innsbruck trug den größten Anteil, daß man dort die Nöte dieser Bergbauern aus den Augen und aus dem Sinn verlor. Bar aller industriellen Möglichkeiten war es den Vertretern des Bezirkes Lienz leid geworden, im Landtag ihr Bettelsprüchlein aufzusagen. Man beschloß, sich mit einem in den dreißiger Jahren erprobten Mittel wieder selbst aus der Not zu helfen: mit dem Fremdenverkehr.

Die Täler im Süden der Hohen Tauern, nach Süden geöffnet und von den Dreitausendern des Alpenhauptkammes wie von Schutzwällen umringt, zeichnet ein Klima aus, wie es in den Ostalpen nur selten vorkommt. Die Ruhe der Wälder und Almen, die würzige Höhenluft und die Einsamkeit machen Ferien in diesem Land zu einem besonderen Erlebnis für Großstädter.

Vor über hundert Jahren wurde beim Glocknerwirt in Kals die Gründung des Alpenvereins abgesprochen, und die Bergführer dieser Täler kamen schon vor der Jahrhundertwende in den Kaukasus und Himalaya. Namhafte Künstler stammen von den Ufern der Isel: der Maler Franz Defregger, der Dichter Josef Weingartner.

Am Iselsberg, wo die Glocknerstraße in vielen Kehren zum Lienzer Talboden hinabzieht, sollte man Osttirol betreten. Am Iselsbergerhof sieht, man in der Ferne die steilen, zackigen Felsen der Lienzer Dolomiten. Und auf den nahen Hängen der Schobergruppe wogen noch in 1000 Meter Höhe die Ährenfelder. Bei der Abfahrt durch Dölsach blickt man hinüber nach Lavant, jenseits der Drau am Fuße des Hochstadl gelegen. Es ist eine Fundstätte illyrischer und dann. römischer Kulturanlagen. Das alte Aguntum ist beiderseits der Bundesstraße 100 im Vorbeifahren zu sehen.

Lienz ist der ideale Rastplatz auf dem Wege, nach Italien, und daher trägt es heute schon den Charakter einer Durchzugsstadt, obwohl, in der nächsten Umgebung ruhige Orte zum Verweilen einladen: Leisach, Amlach, Tristachersee und Oberlienz. Auch der Bergwanderer kann die Dolomitenhütte Zettersfeld oder Hochsteinhütte besuchen, wenn er es nicht vorzieht, den Lift bis zur Venedigerwarte zu benutzen. Erstklassige Hotels und Gaststätten fehlen ebensowenig wie Bäder und Sportplätze. Neben dem Schloß des Grafen von Görz führt über die moderne Iselbrücke die Straße in das Herz des Landes, durch Wald und Feld, an rauschenden Wassern vorbei, über Ainet und St. Johann im Walde nach Huben, wo sich Flüsse, Straßen und Menschen dreier Täler treffen.

Zuerst das Defereggental. Hoch über der Schlucht der Schwarzach zieht die Straße zu Beginn dahin – durch Lärchenwälder und Weiden. Man erwartet in jedem Augenblick das Ende des Tales in einem finsteren Winkel und hält dann unwillkürlich an: Eine weite Talebene, in der das kleine Dorf St. Jakob (1400 m) mit der schmucken Zwiebelkirche liegt. Es ist eine gesunde Sommerfrische mit vielen gut geführten Pensionen.

Von Huben aus erreicht man ohne wesentliche Steigung im Iseltal Matrei (900 m) unterhalb von Schloß Weißenstein an den Ufern des gefährlichen Bretterwandbaches. Manche Familien wohnen hier zu ebener Erde schon im 5. Stock, weil man nach Katastrophen, in denen die Häuser versanken, auf den Giebel aufbaute. Das Klima ermöglicht noch spärlichen Obstbau, während vom Norden schon die vergletscherten Gipfel der Venedigergruppe ins Tal schauen. Hier biegt die Isel nach Westen ab, und da liegen einige der schönsten Sommerfrischen des Landes: Virgen, das "Meran Osttirols", Prägraten und Hinterbichl, das Ferienheim der Wiener Sängerknaben. Im Sommer fahren auch Postomnibusse zum Matreier Tauernhaus (1400 m), und von dort ist ein Spaziergang nach Innergschlöß sehr zu empfehlen zu der in den Felsen gehauenen Kapelle.