Zweimal kamen auf dem 60. Deutschen Ärztetag, der vom 25. bis 29. Juni 1957 in Köln stattfand, die Atomgefahren unserer Zeit zur Sprache. Da gab es zunächst den Antrag eines Delegierten, der Ärztetag solle sich uneingeschränkt hinter den Göttinger Appell der achtzehn deutschen Atomforscher stellen. Da, aber nur ein weiterer Delegierter den Antrag unterstützte, konnte nicht darüber abgestimmt werden. Mindestens zehn Delegierte wären laut Statuten dazu notwendig gewesen.

Dabei hatte man keineswegs den Eindruck, als lehnten die in Köln versammelten Ärzte den Schritt der Göttinger Achtzehn ab oder man sei gar an der Sache nicht interessiert. Was diese Zurückhaltung hervorrief, war vielmehr die Befürchtung, eine solche Erklärung werde vor den Wahlen wiederum parteipolitisch ausgeschlachtet.

Daß sich nämlich die Ärzte gemäß ihrer Verantwortung mit dem Problem der Atomgefahr auseinandersetzen, zeigt eine Resolution vom 27. Juni. Nach einem Bericht des Vorsitzenden der "Atom- und Strahlenschutzkommission der Ärzteschaft" Dr. Eckel, Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen, und einer ausführlichen Diskussion wurde auf Antrag des geschäftsführenden Vorstandes der Bundesärztekammer folgende Entschließung gefaßt:

"Aus Verantwortung für die Volksgesundheit fühlt sich der Deutsche Ärztetag verpflichtet, zu der die gesamte Öffentlichkeit tiefbewegenden Frage der Atomgefahr Stellung zu nehmen. Er hält es für dringend notwendig, die widerspruchsvollen Verlautbarungen über die Gefahren radioaktiver Verseuchung sowohl bei der Erprobung nuklearer Waffen wie auch bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie einer unverzüglichen von den besten Wissenschaftlern der Welt vorzunehmenden Klärung zuzuführen."

Die Erkenntnis der Kernwissenschaft stellt der Menschheit neue Energiequellen zur Verfügung und begrüßenswerte Fortschritte auf den verschiedenen Gebieten des Lebens in Aussicht. Die Ärzteschaft denkt dabei insbesondere an die noch in ihren Anfängen stehenden Möglichkeiten auf nuklearmedizinischem Gebiet. Die Bundesrepublik sollte es als eine ihrer besonderen Verpflichtungen betrachten, ihre wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte auch in den Dienst der biologisch-medizinischen Forschung zu stellen, um die friedliche und humanitäre Anwendung der Atomwissenschaft zu fördern und die Bevölkerung vor den möglichen Gefahren zu schützen. Die Bundesärztekammer ist bereit, bei der Beratung und Durchführung aller hiermit zusammenhängenden Fragen mitzuwirken. Der Deutsche Ärztetag hat zu diesem Zweck bereits vor einem Jahr eine Atom- und Strahlenschutzkommission der Ärzteschaft gebildet. Er fordert im Interesse der Bevölkerung die Bundesregierung erneut und dringlich auf, die ihr angebotene Zusammenarbeit nunmehr zu verwirklichen.

Auch wollte eine Anzahl von Delegierten zunächst einen Schritt weitergehen und – im Sinne der Göttinger Erklärung – eine Warnung vor den Atomgefahren aussprechen. Aber auch hier wiederum rangen sich die Ärzte zu der Überzeugung durch, daß mit der "Atomgefahr" – deren Umfang niemand genau kenne – wiederum allerlei propagandistischer Unfug getrieben werden, könne; dafür aber sei die Angelegenheit zu ernst.

Man kann darüber streiten, ob die zitierte Entschließung glücklich formuliert ist. Von Hiroshima bis in unsere Tage hinein hat man ja; zweifellos einige sehr konkrete Erfahrungen mit den Atomen gemacht, die auch wissenschaftlich ausgewertet wurden. Auf der anderen Seite weiß man aber tatsächlich relativ wenig über die Möglichkeiten eines Schutzes.

Wie dem auch sei – eines steht fest: Wenn unsere Ärzte einmal zu diesem Problem Stellung nehmen werden, dann wird das niemand mehr mit einer Handbewegung abtun können. Diese Stellungnahme wird auf jeden Fall wohl fundiert sein. Heinz Stuckmann