Der kommende Modekurort

Fährt man auf der großen Strecke von Ahausen über Bebra nach Zetlingen, dann passiert man kurz hinter dem bekannten Esdorf den Bahnhof von Triste. Man passiert ihn, fast unbemerkt, denn die großen Fernzüge pflegen hier nicht zu halten; einstweilen noch nicht, denn Triste ist noch nicht entdeckt! Und doch ist dieser ungemein reizlose Ort auf dem besten Wege, zu einem Kurort besonderer Art zu werden: bahnt sich doch seit langem eine von den Erholungsorten alten Stils mit großer Sorge beobachtete Entwicklung an, die dahin tendiert, kleine und kleinste örtlichkeiten zu bevorzugen, die frei sind von Sehenswürdigkeiten und Attraktionen, mit denen die bekannten Kurorte ihr geschätztes Publikum immer mehr überfüttern.

Unwillkürlich denkt man daran, daß sich vor Jahrzehnten schon einmal etwas Ähnliches ereignet hat mit der bis dahin unbeachteten und ängstlich gemiedenen Lüneburger Heide. Die Parole heißt: Weg mit beschwerlichen, unbequemen Bergen und düsteren Wäldern, hinaus in die freie, flache, abstrakte Landschaft, die man ohne lebensgefährliche Berglifte mühelos genießen kann und wo es kaum Bäume gibt, die den Blick anhalten. Er kann frei über endlose Rübenschläge schweifen.

Triste ist klein. Es liegt in einer großartig eintönigen Landschaft ohne Reize. Ein großes Netz bestens aufgeweichter und staubiger Feldwege steht dem Erholungsuchenden zur Verfügung. Ein bißchen körperliche Anstrengung hat der Arzt dem Erholungsuchenden verordnet. Auf diesen Wanderwegen findet er sie.

Die beste Empfehlung über den Ort selbst ist, daß über ihn nichts zu melden ist. Der Kurgast kann sich hier nach Herzenslust langweilen. Keine Sehenswürdigkeiten warten auf ihn. Er bleibt ganz und gar sich selbst überlassen. Das zeigt sich schon bei seiner Ankunft. Der Bahnhof selbst verspricht, was der Ort hält.

Nach Auskunft der Kurverwaltung tritt eine Änderung des Wohlbefindens oft schon nach wenigen Tagen ein. Die Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit schwindet, die Einsamkeit bekommt man sehr schnell satt und darauf einen rechten Hunger nach Geselligkeit. Auf diese Weise gründlich kuriert, verläßt man das liebliche Triste oft schon nach erstaunlich kurzer Zeit und in der Regel schon vor Ablauf der vorgesehenen Kurzeit.

Fritz Röhrs