Am 7. Juli 1956, zwei Monate nach Vollendung seines siebzigsten Lebensjahres, starb Gottfried Benn. Von Beruf praktischer Arzt in Berlin, von Berufung ein vielseitiger Mann der Feder, Essayist und Dramatiker, hat er bei uns am sichtbarsten den Typus des modernen Lyrikers repräsentiert: weltenweit entfernt vom idyllischen und romantischen Poetentum des 19. Jahrhunderts, von Gefühlsseligkeit und gereimter Herzensbetörung. – War in seiner Prosa "jeder Satz ein Leopardenbiß und Wildtiersprung", wie einmal gesagt wurde, so war in seinen Gedichten – "halb Bild, halb Wort und halb Kalkül" – Mut zu unpopulärer Strenge und provokatorischer Distanzierung. – Die bisher unveröffentlichten Briefe, die der Limes Verlag Wiesbaden uns freundlich zur Verfügung gestellt hat, sind rechte Gegenstücke zu Benns Gedichten, persönlich, unmittelbar und unbekümmert bis zur Formlosigkeit: nicht auf Kunstfertigkeit und "Kalkül" bedacht. – Im folgenden geben wir sechs Briefe – davon einen aus dem Besitz unserer Redaktion – mit kurzen Erläuterungen zu den angeredeten Personen wieder. Der Limes Verlag, Wiesbaden, bringt Ende Juli einen Band "Gesammelte Briefe" von Gottfried Benn heraus.

An Hans Paeschke

Hans Paeschke, geboren 1911, nach 1936 Redaktionsmitglied der Wochenschrift "Deutsche Zukunft", ist seit 1946 Herausgeber der Monatsschrift "Merkur". Er lebt in München.

Berlin 25 XII 55

Lieber Herr Paeschke, Dank für freundlichen Brief vom 21. 12

Ja, 1956 wird kein angenehmes Jahr – wenn man es übersteht. Wäre nicht unglücklich, wenn ich es vor dem Mai beenden könnte: "Die Helden sind müde" – nicht nur ein guter Filmtitel, sondern es trifft zu. Habe Zeiten großer Gebrochenheit, innen u. außen. Habe ja auch in zwei bis drei Berufen (Literatur, Arzt, Soldat) immer zu um gehabt. Das Glück zum Schluß ist, daß ich auf diese Weise nie Verleger, Zeitungen, Redaktionen aufsuchen mußte, sondern nur schrieb, was mir um den Nägeln brannte, u. nun sind diese Nägel reichlich abgebrannt. Die Leute aus den 1880er Jahren haben ihre Arbeit gemacht u. nun geht einer nach dem andern "die Kartoffeln von unten besehen". Hoffentlich wächst oberhalb was nach – nun, wird schon, alles in allem sind wir ja doch eine geniale Nation, wenngleich sie heute eher verdunkelt u. verdummt erscheint.

Alles Gute u. Dank!