o. f., Fechenheim

Nicht von jener Flaschenpost wollen wir hierberichten, die, von viel Romantik und Seemannsgarn umsponnen, Nachrichten über die Meere trägt und irgendwo ans Gestade gespült wird. Nein, auch der Binnenländer kann solche seltsamen Nachrichtenträger finden, wie es den Fechenheimer Malermeistern August Landzettel und Heinrich Schweiß nun widerfuhr. Doch hat ihre Flaschenpost eine Botschaft nicht über weite Entfernungen getragen, sondern, ruhig an einer Stelle liegend, über den beträchtlichen Zeitraum von 55 Jahren – eingemauert in die Stuckdecke des alten Fechenheimer Rathauses, das gerade renoviert wird.

Und unter dem Datum "Fechenheim, den 14. 8. 1902" stand da auf dem Zettel aus der Flasche zu lesen:

"Diese Arbeit wurde von W. Weber, Stukkateurmeister, wohnhaft in Langen, Werkstatt in Offenbach, gemacht. Dieses Gesims wurde von seinem Sohn Wilhelm Weberunddem Lehrling Anton Kronewald gezogen. Der Stundenlohn ist zur Zeit 50 bis 65 Pfennig für Gesellen. Der Arbeiterst and ist nicht zum besten, werden überall mit Steuern und Abgaben belastet. Die Lebensmittel sind teuer. Wir hoffen, daß beim Finden dieses Zettels bessere Zeiten sind."

Bessere? Kaum – und die Finder haben denn auch auf einem weiteren Zettel vermerkt, daß eigentlich nicht die Zeiten, sondern nur die Stundenlöhne für Stukkateurgesellen sich geändert haben, "derzeit, Anno 1957, genau 2,67 Mark".

Beide Zettel hat man jetzt in die alte Flasche getan, die bisher im Stuck einer im Laufe der Zeit bröckelig gewordenen Decke verborgen war und nun in den Grundstein eines geplanten Gemeinschaftshauses der Gemeinde versenkt werden soll. Wird man einst, wenn diese Flaschenpost von einer späteren Generation wiedergefunden wird, an den Löhnen für Stukkateurgesellen messen können, ob die Zeiten besser geworden sind?