Vor fünfzig Jahren fuhren zwei junge Maler von Dresden nach Dangast, einem kleinen Nordseebad auf Oldenburger Gebiet am Südrand des Jadebusens. Der eine, Erich Heckel, war 23 Jahre alt, sein Freund Karl Schmidt-Rottluff ein Jahr jünger. Sie hatten das Küstendorf zufällig auf einer Spezialkarte im Atlas entdeckt, als sie in ihrem Dresdener Atelier (einem ehemaligen Schusterladen), in dem sie sich 1905 zusammen mit Ernst Ludwig Kirchner als die Gemeinschaft der "Brücke" etabliert hatten, nach lohnenden Reisezielen am Meer Ausschau hielten.

Heckel zog in das Häuschen eines Zöllners unmittelbar am Strand. Schmidt-Rottluff bewohnte zwei Dachkammern in der Gastwirtschaft Krake in Dangastermoor. Beide waren sie von der Landschaft und dem dörflichen Milieu so angetan, daß sie auch in den folgenden Sommern nach Dangast zurückkehrten – Heckel bis 1910, Schmidt-Rottluff bis 1912. 1910 kam auch Pechstein nach Dangast, außerdem die Oldenburger Malerin Emma Ritter, die sich an Schmidt – Rottluff anschloß. – Als die beiden Maler im Herbst 1908 den Wunsch äußerten, "die hier entstandenen Arbeiten dem Oldenburger Publikum in einem geschlossenen Ganzen vorzuführen", gab es im Oldenburger. Kunstverein erregte Diskussionen. Die Maler galten als wilde Farbenkleckser, als harmlose Verrückte. Schließlich wurde die Ausstellung zwar gestattet, aber sie durfte nicht als Veranstaltung des Kunstvereins angekündigt werden. Man war sogar bereit, "die Beaufsichtigung zu stellen und auf die Provision zu verzichten" – die Frage der Provision wurde freilich nicht aktuell, da keine der insgesamt 83 ausgestellten Arbeiten verkauft wurde... Jetzt, im Sommer 1957, hingen die damals in Dangast entstandenen Bilder und graphischen Blätter im Oldenburger Schloß, und diesmal trat der Oldenburger Kunstverein offiziell in Erscheinung.

Die Oldenburger Ausstellung "Maler der ,Brücke’ in Dangast 1907 bis 1912" umfaßte ein wesentliches und bisher nur ungenügend bekannter Kapitel des deutschen Expressionismus. Der Katalog registriert sämtliche in Dangast entstandenen Gemälde. Aquarelle, Zeichnungen, Holzschnitte und Radierungen, einschließlich der verlorenen oder als "Entartete Kunst" beschlagnahmten Werke, soweit sie überhaupt zu ermitteln waren. Ein Beweis für die Genauigkeit, mit der hier gearbeitet wurde: es werden eine ganze Reihe von Gemälden Schmidt-Rottluffs angeführt, die in dem Werkverzeichnis der großen, 1956 erschienenen Monographie von Will Grohmann fehlen. Was sich bis heute in Museen, Privatsammlungen und im Besitz der Künstler aus den Dangaster Jahren erhalten hat, war ausnahmslos in Oldenburg zu sehen.

In Dangast, in der selbstgewählten Einsamkeit und in der stürmischen Auseinandersetzung mit der großen und fremden Landschaft, gewinnt das eigentümlich vage und unbestimmte künstlerische Programm der Dresdener Ateliergemeinschaft ("Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt", heißt es in dem "Brücke"-Manifest von 1906) Gehalt und Profil. Die Natur wird als ein ununterbrochenes Strömen von Kräften begriffen, der Künstler ist Medium, ist Durchgang dieser Kräfte.

Aber neben dem Gemeinsamen des "Brücke"-Stils treten auch schon in der frühen Dangaster Zeit die individuellen Unterschiede zutage. Schmidt-Rottluff ist kraftvoller, robuster, und in den Bildem seit 1910 etwa äußert sich in der radikalen Vereinfachung der Form und den großen, ungebrochenen Farbflächen seine Neigung zum Monumentalen und streng Gebauten. Heckel ist viel sensibler, differenzierter in den Farben, eher lyrisch als dramatisch erlebter die Landschaft. Eine Radierung wie der abgebildete "Elgernde Mann" von 1909 zeigt neben der großen expressiven Gebärde eine Weichheit in den Konturen und ein zart getöntes, dämmeriges Grau,

Für beide Maler bedeutet Dangast eine Epoche rauschhaft gesteigerter Produktivität. Um den Ansturm der Gesichte loszuwerden, hat Heckel oft auch die Rückseiten der Leinwände bemalt. Von Schmidt-Rottluff berichtet Emma Ritter in ihren Erinnerungen, "daß die Leinwände an Zahl so viel wurden, daß er eine dicke Rolle davon bei Ebbe ins Tief warf – mit der Flut aber kam sie wieder an Land..."

Beide Maler sind später nicht wieder nach Dangast und Oldenburg gekommen. Nach vielen Jahren schreibt Schmidt-Rottluff einem Oldenburger Freund: "Es ist eigentümlich, wie starke und ich möchte behaupten heimatliche Gefühle mich mit dem Oldenbürger Land verbinden – nicht mit meiner eigentlichen Heimat habe ich solchen inneren Zusammenhang. Also, ich muß doch bald wieder nach O. kommen und meiner Frau das Land meiner Jugend zeigen ..." Die Dangaster Bilder der "Brücke"-Maler sind die kostbare Hinterlassenschaft aus dem Land ihrer Jugend und der Jugend des Expressionismus. Gottfried Sello