Von Michael Davie

Am äußeren Saum des Universitätsgeländes von Oxford mit dem Blick über eine wundervolle Landschaft von Wiesen und Bäumen steht ein phantastisches Haus im reich ornamentierten Stil des 19. Jahrhunderts. Es gehört zu einem der reichsten und angesehensten Colleges von Oxford: Christ Church. Auf dem Dach des Hauses befindet sich eine Fernsehantenne und der dazugehörige Fernsehapparat gehört dem Professor für experimentelle Philosophie, Lord Cherwell; früher Professor Frederick Lindemann, deutsch-elsässischer Abstammung.

Der Lord genießt solches Ansehen, nicht nur dank seiner wissenschaftlichen Leistungen, die allein ihm vielleicht keinen Platz in der Geschichte gesichert hätten, sondern auch dank seiner langjährigen engen Freundschaft mit Winston Churchill und der wichtigen Rolle, die er im 2. Weltkrieg gespielt hat, daß die übrigen Mitglieder von Christ Church es ihm nicht übelnehmen, daß er an dem Collegeleben nur einen sehr geringen Anteil nimmt.

Lord Cherwell verläßt selten sein Zimmer. Und wenn er es tut, den Homburger schnurgerade auf dem Kopf, den zusammengerollten Regenschirm in der Hand, gleicht er so wenig dem üblichen Bild eines Universitätsprofessors, daß Touristen ihn meist für einen distinguierten, älteren Collegeportier oder Hausdiener halten.

Neulich verließ Lord Cherwell sein Zimmer, begab sich ins Oberhaus und, nachdem er den Entschluß der britischen Regierung, eine eigene Wasserstoffbombe zu bauen, gepriesen hatte, wandte er sich mit Ausdrücken, wie man sie schärfer selten in dem ehrwürdigen Haus der Lords vernommen hatte, gegen die Ansichten aller derjenigen, die vor den Gefahren der Atomexperimente gewarnt hatten. Die Warner, denen er die Meinung der „besten Wissenschaftler“ (womit er zweifellos auch sich selbst meinte) entgegensetzte, seien entweder völlige Ignoranten, reif für psychiatrische Behandlung oder kommunistische Mitläufer – sagte der Lord.

Sagte es, nahm Homburger und Regenschirm, verließ das Oberhaus und kehrte zurück in die Stille seines Zimmers in Oxford. Als dann in den folgenden Tagen der Sturm losbrach und mehrere angesehene Fachleute Lord Cherwell wegen seiner Behauptung, die Atomexperimente seien garantiert unschädlich, bittere Vorwürfe machten, setzte dieser sich an seinen Schreibtisch und verfaßte zwei indigniert hochmütige Briefe an die Times.

Seine Ansichten und seine Art, sie vorzutragen, überraschen diejenigen am wenigsten, die den „Atomlord“ am besten kennen. Lord Cherwell ist der Typ eines Rechtskonservativen (seine Feinde würden sagen Reaktionärs), wie man ihn im heutigen England in dieser Reinheit und Unbekümmertheit nur noch selten antrifft. Niemals fechten ihn Zweifel an, daß das britische Volk und besonders die britische Oberschicht eine besondere Gabe besitze, der Welt den rechten Weg zu weisen: Was gut für England ist, muß auch gut für die übrige Menschheit sein.