Bändige, o Muse, meinen großen Zorn in diesem Augenblick, da ich die Feder ergreife, auf daß ich im Kampfe für zwei Kreaturen nicht über das Maß hinausgehe und große Beleidigungen aus mir herausschleudere, statt kleine Beleidigungen. Hebe den Schleier, o Justitia, ein wenig von deinen Augen, auf daß du die Objekte des eben begonnenen Rechtsstreites erkennst: zwei Enten. Und so geschieht es denn, daß ich eingreife in ein schwebendes Verfahren, obwohl der Rechtsanwalt angedeutet hat, es sei nichts zu hoffen. So trete ich denn, vom juristischen Beistand verlassen, die Flucht in die Öffentlichkeit an.

Nur kurze Zeit, und ich werde vor dem Richter stehen. Er wird mich traurig ansehen, und ich ihn. Man bedenke doch: wegen zwei Enten! Und er wird vielleicht fragen, ob ich die 32 Mark Strafe nicht doch bezahlen wolle, zwecks Vermeidung weiterer Schwierigkeiten und noch höherer Kosten; und ich werde kleinlaut bitten, ob er den Fall nicht als Bagatellsache beiseite legen könne. Und dies wird die Ruhe vor dem Sturm sein. Aber darauf, nach dem Sturm, werde ich mich vielleicht im Zustande des Verknacktseins befinden, und wir werden uns nimmer grüßen, der Richter und ich, wenn wir ans auf der Straße treffen. Alles wegen zwei Enten.

Zu den Personalien wäre anzuführen, daß es sich um Enten verschiedenen Geschlechtes, doch gleichen Alters – von eineinhalb Jahren – und gleicher Rasse handelt: Es sind Moschus-Enten. Dies erkennt man schon daran, daß man, wie das Lexikon von Brockhaus unterstreicht, einen starken Moschusgeruch verspürt, sobald man am Enterich riecht. Ich würde diesen Geruch gern zu den Gerichtsakten geben. Aber der Enterich ist noch weniger leicht zu fassen als die Ente; beide sind so gut wie ungreifbar. Auch hätte es gar keinen Zwei, den Richter an der Ente riechen zu lassen. Dein das Weibchen riecht nicht nach Moschus. Wie auch bei Menschen üblich, trägt die Entenfrau den Familiennamen ("Moschus") ihres Mannes; sie steht in seinem Geruch, ohne selber zu riechen.

Wir kommen jetzt zum Anklagepunkt: Die beiden Enten, wohnhaft in einem Garten, der aus Rasen, einzelnen Blumenbeeten und Weidenbäumen sowie Erlen besteht und an einen kleinen See die dem Garten nicht zum Nutzen gereichen und die die merkwürdigsten Schlüsse über ihr Innen- und Familienleben zulassen. Aber Fischlaich fressen sie ebensowenig wie die Angler, die Richter und ich.

In Wirklichkeit bedeuten also die Enten für die Fische keine Gefahr, während die Angler für die Enten eine große Gefahr bedeuten. Dies kommt, weil die Angler in einem Hamburger Verein organisiert und als Großstädter schriftgewandte Sätze zu schreiben in der Lage sind, denen kein prozeßungewohnter Mann gewachsen ist. Noch ist die Sache nicht so weit gediehen, daß der Angler-Präsident in Erscheinung getreten wäre, nur der Schriftführer; und da dieser ein ehemaliger Polizeibeamter ist, der nach dem Kriege in den Kaufmannsstand herüberwechselte, ist die Gefahr für die Enten groß. Liegen doch in der Art dieses Kaufmanns noch gewisse behördliche Eigenschaften, die sich im harten Geschäft noch nicht genügend abgeschliffen haben. Er sagt, er wolle das Recht.

Aber was heißt Recht in diesem Falle? Haben Enten weniger Recht auf Leben als ein Kaufmann, der früher Polizist war? Natürlich, er wird gegenüber dem Richter effektvoll auftreten, teils dienstwilligen Auges, aus dem Ehrfurcht leuchtet, teils mit geschäftlicher Gewandtheit, während ich, seit ich am Brack wohne, schon die kohlhaasische Trotzköpfigkeit des niedersächsischen Deichbürgers angenommen habe. Er wird fordern, was er schon schriftlich gab: "Das Einlassen von Enten in den See ist verboten, weil sie der Fischbrut schaden" (und dann folgen viele Paragraphen). Ich aber werde zurückschlagen und das Verbot der Einlassung von Anglern in das Brack fordern. Denn die Angler allein schaden den Fischen, indem sie unter Vorspiegelung der falschen Tatsache, daß sie Naturfreunde seien, diesen Tieren Würmern vorhalten, die mit einem Haken versehen sind, so daß die Fische elend umkommen. Was hingegen die Enten auch getan haben mögen – dies haben sie nie getan, dies nicht! Beweist das Verhalten der Angler schon, daß sie keine Naturfreunde sind, so wird dies durch den Augenschein erhärtet: Lieben sie schon die Fische nicht, so sollten sie doch wenigstens die Enten lieben! Was lieben sie? Den Streit, nicht die Natur!

Der Prozeß geht weiter.